Berlin : Harald Bennecke (Geb. 1923)

„Abiturient mit Ost-Erfahrung“ nannten die Professoren solche wie ihn.

Anne Jelena Schulte

Nichts war Harald Bennecke heiliger als die Rituale seines Elternhauses, die er bei jeder Gelegenheit zelebrierte. Doch auf dieses eine verzichtete er: an den Feiertagen ein Gedeck für die verstorbenen Verwandten mit hinzustellen. Es fehlte ihm ganz einfach an Tellern dafür. Zweiundzwanzig Benneckes sind im Zweiten Weltkrieg gefallen.

Dass ausgerechnet Harald zu den wenigen Überlebenden gehören würde, hätte wohl niemand vorherzusagen gewagt. Er war ein zartes, kränkliches Kind, das aufgrund seiner Neurodermitis und seines schweren Asthmas häufig auf Kur geschickt wurde. Harald liebte diese Kuren nicht, das Heimweh gesellte sich bald seinen anderen chronischen Krankheiten hinzu. Ein Heimweh, das sich vertiefte, als er als Zwölfjähriger am Görlitzer Bahnhof ausstieg, ganz allein, und diesmal war es nicht sein Körper, wegen dem man ihn verschickt hatte. Harald Bennecke, Stammhalter des „Ritterguts Strehlitz“ in Schlesien, sollte ein standesgerechtes Internat besuchen. Die Wahl war auf das Arndt-Gymnasium in Dahlem gefallen.

Kaum dass er das Abitur geschafft hatte, ging es noch weiter fort: Zur Rekrutenausbildung ins Elsass. Aus dem kränklichen Kind war ein stattlicher Mann geworden, der sich bald Oberleutnant und Offiziersanwärter des Jägerregiments 49 Breslau nannte. Jagen und Reiten sowie militärische Haltung hatte ihn schon früh sein Vater gelehrt.

Als Harald Bennecke 25-jährig zurückkehrte aus russischer Kriegsgefangenschaft, fiel er auf durch eine neue, umständliche Sprechweise, mit der er die Last auf seiner Seele zu umschiffen versuchte.

Er verkündete seinen Entschluss, Veterinärmedizin zu studieren. Das passte zu seiner Zukunft als Landherr und auch zu seinem Charakter. So schroff und ungeschickt er sich anderen Menschen gegenüber oftmals benahm, so ungezwungen war sein Umgang mit Tieren. Die Verwandten, die sich inzwischen auf ein Gut nahe Magdeburg zurückgezogen hatten, rieten ihm ab. Ob er in seiner dreijährigen Gefangenschaft, während der er Schächte für die Moskauer Straßenbeleuchtung buddelte, nicht etwas Russisch gelernt habe?

Na also. Damit könne ein Gutsbesitzersohn eher auf die Gnade der neuen Herren hoffen als mit der Bitte um eine akademische Laufbahn. So wurde Harald Bennecke Russisch-Lehrer an der Volksschule, streng darauf bedacht, seinen Vorsprung von zwei Lektionen, den er den Kindern voraushatte, zu wahren.

Bis die Sippe das Silber und andere Kostbarkeiten zusammenschnürte und damit nach Westen floh, in die Pfalz. Harald aber, der Vielgereiste, wollte sich keinen Meter weiter von zu Hause fortbewegen als nötig. Er blieb in West-Berlin. Hier wurden keine Russisch-Lehrer gebraucht. Dann vielleicht Tiermediziner? Wieder rieten alle wohlmeinenden Freunde und Verwandten ihm ab. Überall Ruinen und Hunger. Tiere waren zum Essen da und nicht zum Verarzten. Das Land brauche Geld und sonst gar nichts. Erst recht nicht von einem wie ihm. Wer war er schon? „Abiturient mit Ost-Erfahrung“ nannten die Professoren solche wie Harald, und das hieß: viel zu alt und beladen fürs erste Semester.

Militär, der er war, parierte Harald vor dem, was „vernünftig“ und „realistisch“ genannt wurde. Er studierte Wirtschaftswissenschaften und wurde Lehrer an einer Berufsschule für Bank- und Versicherungswesen. Mit seiner Frau, einer zwei Jahre älteren Witwe, Ärztin und Mutter einer Tochter, zog Harald dorthin, wo einst sein Zug aus Schlesien gehalten hatte: an den Görlitzer Bahnhof. Sie bezogen eine große Wohnung mit freiem Blick über die Hochbahn.

Der „Onkel“-Abstand zwischen ihm und der Tochter seiner Frau blieb gewahrt. Dass das eigene Kind dann auch ein Mädchen wurde, ärgerte ihn. Trotzdem kümmerte er sich viel um die Kleine, die seine Krankheiten geerbt hatte. Er hatte mehr Zeit als seine Frau, die ganztags in ihrer Praxis arbeitete. Und während die Tochter auf ihrer Schaukel im Küchenrahmen saß, ließ Harald seinen Blick über die Hochbahn schweifen. Er sehnte sich nach dem Paradies, das er niemals richtig bewohnt hatte. Er war zu Hause im Heimweh, immer schon.

In seinem Zimmer hing ein Foto des Ritterguts, zu Ostern gab es Plinsen, am Heiligen Abend Weißwürste mit Sauerkraut und polnischer Sauce. Herbeizaubern ließ es sich davon nicht, das Glück. Auch von der Familie nicht und auch nicht vom Beruf.

Vielleicht, dass er sich ein neues Gut kaufte? In der Zeitung entdeckte er eine Annonce, in der ein zweitausend Quadratmeter großes Grundstück angepriesen wurde, dicht hinter der Grenze, nah bei Braunschweig. Harald kaufte. Beinahe jedes Wochenende fuhr er dorthin, baute ein Haus, beobachtete die Vögel, bestellte den Garten, ärgerte sich über die moderne Landwirtschaft ringsumher. Wenn die Dämmerung kam, unternahm er lange Abendspaziergänge mit dem Hund und vertiefte sich anschließend in militärhistorische oder tierkundliche Bücher.

In den Ferien reiste er oft in seine Vergangenheit. Dann lief er das alte Familiengut ab oder besuchte mit ehemaligen Kameraden die Kriegsschauplätze in der Sowjetunion. Die Deutsche Kriegsgräberfürsorge hatte in ihm einen treuen Spender.

Als Harald alt und krank wurde, bot er das Grundstück bei Braunschweig zum Verkauf an. Dann sagte er zu seiner Tochter: „Im kommenden Mai und Juni wird es eine große Hitzeperiode geben. Aber das betrifft mich ja nicht mehr.“ Am Tag seiner Beerdigung war heftiges Schneetreiben. Anne Jelena Schulte

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