Hatun Sürücü : Mahnungen vom Steinmetz

Die Familie Sürücü hat den Grabstein ihrer ermordeten Tochter Hatun nicht bezahlt. Ein Verein sucht jetzt Paten für die Grünpflege. Hatun war 2005 in Berlin von ihrem Bruder erschossen worden.

Annette Kögel
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Das Grab von Hatun Sürücü auf dem Landschaftsfriedhof Gatow. Foto: Annette Kögel

Öznur kannte Hatun. „Als ich damals die Nachricht von ihrer Ermordung hörte, war ich geschockt.“ Heute ist die junge Frau enttäuscht, dass das Grab von Hatun Sürücü verwildert. Zudem hat die Familie den Grabstein nie bezahlt. Nach Angaben des Steinmetzbetriebes Hohlfeld am Eingang zum Landschaftsfriedhof Gatow in Spandau ist die Rechnung in Höhe von 1583,89 Euro seit vier Jahren offen. Die junge Deutschkurdin wurde, wie berichtet, von ihrem jüngsten Bruder Ayhan erschossen – als Strafe dafür, dass sie eine Ausbildung machte, den aus einer Zwangsehe stammenden Sohn Can allein aufzog, also „westlich lebte“.

Jetzt hat sich Steinmetz Daniel Hohlfeld an den Frauennothilfeverein „Hatun und Can“ gewandt, der sich nach dem sogenannten Ehrenmord gründete und in dem Migrantinnen ehrenamtlich auf Basis von Spendengeldern Frauen aus Zwangsehen und vor Gewalt retten. „Wir wollen diese Rechnung nicht offen lassen und würden uns freuen, wenn Berliner dafür spenden würden“, sagt Vereinsgründer Andreas Becker. Eine Zeit lang hatte er das Grab selbst bepflanzt. Für dieses Jahr will eine Frau aus dem Verein die Grabpflegekosten tragen. „Hatun und Can“ sucht nun Paten für die Folgejahre. Daniel Hohlfeld, der auch Grabpflege anbietet, würde das für 155 Euro pro Saison übernehmen. Der Verein will auch die einmalige Grundreinigung, Bodenaustausch und Bepflanzung mit „winterharten Bodendeckern“ bezahlen, um der Toten, die selbstbestimmt leben wollte, ein würdiges Andenken zu ermöglichen. Davon ist am Grab ganz hinten rechts auf dem islamischen Teil des Friedhofs an der Maximilian-Kolbe-Straße nichts zu spüren.

Die Gräber sind alle gen Mekka ausgerichtet. Viele sind mit bunten Plastikblumen, Fotos oder weißen Steinen geschmückt. Bei Aynur Hatun Sürücü wächst Gras, Wildkraut, alte Blumen verwelken. „Das wirkt schon wie: beerdigt – und fertig ist“, sagt eine deutsche Friedhofsbesucherin. Sie vermutet, dass die Grabpflege in muslimischen Kulturen nicht so wichtig sei, denn nicht alle Gräber machen einen schönen Eindruck. „Nein, das geht bei uns gar nicht, dass man ein Grab so verwildern lässt“, sagt dagegen Hatuns Bekannte Öznur. Aber, meint sie mit vielsagendem Blick, Hatun habe ja aus der Sicht der Familie „Schande über sie gebracht“, womöglich sei das der Grund für die fehlende Zuwendung. Andreas Becker erinnert sich daran, dass Unbekannte schon mehrere große Pappfiguren mit Einschusslöchern um das Grab herum gruppiert hatten. Hatuns Schwester Arzu Sürücü, die den Auftrag an den Steinmetzbetrieb unterschrieben hatte, war gestern nicht zu erreichen.

Unterdessen kommt der Fall Sürücü, wie berichtet, wohl zu den Akten. Im Sommer hatte der Bundesgerichtshof im Revisionsverfahren die Freisprüche gegen zwei mitangeklagte Brüder aufgehoben. Diese leben jetzt in der Türkei, das Land liefert sie nicht aus. In Berlin wird jetzt diskutiert, ob eine Straße nach Hatun Sürücü benannt werden soll. Annette Kögel

Kontakt zum Verein per E-Mail: hatunundcan-ev@hotmail.de

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