Hauptstadt : Vom Rand ins Herz der Republik

Wie rasch nach dem Regierungsumzug sich die Hauptstadtwerdung vollzog, bleibt das erstaunlichste Ereignis dieses Jahrzehnts.

Hermann Rudolph
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Schlange der Demokratie. Der anfängliche Argwohn vieler Bundesbürger gegenüber der Hauptstadt ist freundlichem Interesse gewichen....Foto: T. Napierski

Für die Hauptstadt Berlin hatte dieses Jahrzehnt sozusagen vier Monate Vorlauf. Denn in einer schönen Spätsommerwoche im September 1999 nahm der Bundestag seine Arbeit im Reichstag auf und vollendete damit den Umzug von Bonn nach Berlin; nur das Landwirtschaftsministerium kam noch später. Und es ist dieser Vorgang, der Epoche machte: Das seit der Wende zusammenwachsende Berlin erlebt in dieser Zeitspanne nichts Geringeres als eine Neuinterpretation von Stadt und Republik. Nimmt man die Probleme, mit denen die Wiedervereinigung der Stadt noch immer zu ringen hat, kann man sich fragen, ob sie die eigentliche Erfolgsgeschichte ist.

Wie rasch und unspektakulär sich die Hauptstadtwerdung Berlins vollzog, nachdem der Umzug erst einmal zur Tatsache geworden war, bleibt das vielleicht erstaunlichste Ereignis dieses Jahrzehnts. Von einem Tag auf den anderen waren die Auseinandersetzungen wie ausgelöscht, verschwanden die Vorbehalte, die der Stadt seit der Hauptstadtdebatte am Anfang der neunziger Jahre entgegengeschlagen waren. Wann war es, dass man sich gar nicht mehr vorstellen konnte, dass die Hauptstadt Berlin umstritten war? Als das Kanzleramt fertig wurde? Oder erst, als die Fußballweltmeisterschaft ganz Berlin in eine Wolke von Hochgefühlen hüllte? Aber wahrscheinlich brauchte es nicht einmal so lange.

Es dauerte ja nur einen Sommer, da hielten Bundeskanzler Gerhard Schröder und Außenminister Joschka Fischer am Gendarmenmarkt Hof, gehörten die Abgeordneten zum Straßenbild am Pariser Platz und wurden „Borchardt“ und das „Einstein“ Unter den Linden zum Sammelplatz der politischen Prominenz. Zugleich versank Bonn politisch hinter dem Horizont, obwohl dort bis heute noch immer mehr Bundesbeamte arbeiten als in Berlin. Aber schon, als das erste Jahr des Jahrzehnt zu Ende ging, stellte die Bahn die Beamten-Sonderzüge zwischen Bonn und Berlin ein: Kein Bedarf mehr am wundenkühlenden Heimweh-Verkehr.

Bald stellte sich allerdings auch heraus, dass die Politik von dem Umzug weniger verändert wurde als mancher angenommen oder sich erhofft hatte. Was ihre Abläufe angeht, so war in der Tat nur das alte, vielfach verspottete „Raumschiff Bonn“ im märkischen Sand gelandet. Umso mehr wandelte sich ihr mediales Umfeld. Berlin wurde der Ort, an dem die Suggestion der Bilder, das Dauer-Palaver der Talkshows und das Tempo der Ein-Tages-Sensationen dem politischen Leben den Rhythmus vorgeben wie nie zuvor. Hier bekamen die Politik und die „Republik der Wichtigtuer“ (Tissy Bruns) gleichermaßen ihre Szene.

Vor allem aber hat dieses Jahrzehnt Berlin tatsächlich zur deutschen Hauptstadt gemacht, weit über die Verlagerung der Regierungsfunktionen hinaus. Hier fand die Bundesrepublik in diesen Jahren Wahrzeichen von eindruckvoller Prägekraft, allen voran die Reichstagskuppel, dazu die Gebäude des Bundestages um den Spreebogen, die Ministerien und der Landesvertretungen. Alles ein bischen zu groß, zu glatt, Glas und Beton, wohin man schaut? Gewiss, aber alles in allem genommen hat die Bundesrepublik in dieser Zeit mit diesem Berlin ein neues Gesicht, einen anderes Gefühl von sich selbst bekommen.

Dazu gehört, dass dies alles auch zunehmend angenommen worden ist von den Berlinern, aber vor allem von den Bürgern der Republik. Die Schlange, die Tag für Tag vor dem Reichstag auf die Besichtigung der Kuppel wartet, ist nur ein Zeichen dafür, ein anderes der Strom der Besuchergruppen aus den Bundesländern, den die Landesvertretungen registrieren. Aber auch sonst kann kein Zweifel sein, dass Berlin in dieser Zeitspanne in einem Maße zum Schauplatz der Bundesrepublik geworden ist, von dem sich keiner vorher etwas träumen ließ – nicht bei der Hauptstadt-Abstimmung mit ihrem knappen Ergebnis, nicht bei den Querelen um den Umzug.

Dabei war diese Erfolgsgeschichte kein Weg ohne Widerstände. Kaum dass die Hauptstadt den neuen Ort bezogen hatte, geriet die Stadt zum Beispiel in die Brandung eines ausgeprägten Berlin-Bashings. Die aufgeklärten Geister der Republik konnten sich nicht genug damit tun, der Stadt zu bescheinigen, dass sie kleinkariert sei, ihre Politiker mittelmäßig, ihr öffentliches Leben korrumpiert durch Subventionen. Zeitweise schien es als lebe das strahlende Hauptstadt-Berlin Wand an Wand mit einer Großstadt gleichen Namens, die für die Republik das Dauerobjekt missbilligender Zurechtweisung darstellte und die sich selbst langsam in ein wehleidiges Missverstanden-Sein zurückzog. Hauptbeleg: ein West-Berlin, das erfolgreich zur Provinz der Fußkranken des Kalten Krieges und des Subventions-Muffs heruntergeredet wurde.

Fast das ganze Jahrzehnt über dauert auch der Streit, in welcher Weise der strukturell schlecht aufgestellten, finanziell miserabel ausgestatteten und verschuldeten Hauptstadt auf die Beine geholfen werden könne. „Was ist uns die Hauptstadt wert?“ stand 2003 über einer Tagung, die die Nationalstiftung veranstaltete – eine von Respektspersonen um Alt-Kanzler Helmut Schmidt getragene Vereinigung. Kurt Biedenkopf kennzeichnete die Lage der Stadt, indem er das Verhältnis von Bundesrepublik und Hauptstadt die „neue Berlin-Frage“ nannte, bezogen auf die alte Berlin-Frage aus der Zeit des kalten Krieges.

Brauchte die Stadt nicht – so wurde gefragt – einen neuen Status, der die Hauptstadt besser in den ausgeprägten Föderalismus der Bundesrepublik einfügte? Berlin als eine Art Washington D.C.? Die Debatte ging, versteht sich, aus wie das Hornberger Schießen. Immerhin hatte sie 2006 den Nebeneffekt einer Hauptstadtklausel im Grundgesetz, selbstverständlich nach langem Streit, bei dem der Widerstand so ziemlich aller Bundesländer zu überwinden war. Darin wird in Artikel 22 die Repräsentation des Gesamtstaates in der Hauptstadt zur Bundesaufgabe erklärt. Nur: finanzielle Konsequenzen sollen partout nicht daraus folgen. Im gleichen Jahr lehnte das Bundesverfassungsgericht die Klage Berlins auf Sanierungshilfe ab.

Doch während die Antwort auf die Frage, ob die Republik in ihrer Hauptstadt angekommen sei, noch in der Schwebe zu sein schien, zeigte sich längst ihre Sogkraft. Die Stadt blieb zwar im Vergleich zu München, Hamburg oder Frankfurt ein Armenhaus, überdies politisch nicht gerade gut beleumundet. Doch über das Jahrzehnt vollzog sich ein ununterbrochener Zuzug – Verbandsvertreter und Industrie-Repräsentanten, Berater und Lobbyisten, junge Kreative, alle wollten nach Berlin. Kein Großunternehmen, kein Verband, die nicht längst ein Büro haben. Kein Event, das hier nicht seine Szene sucht. Die Stadt avancierte zumindest zur Zweitwohnungs-Kapitale der Republik.

Das Hauptstadtprojekts hat jedenfalls kräftig dazu beigetragen, dass in diesem Jahrzehnt ein neues Berlin entstanden ist. Die Statistik weist geradezu einen Bevölkerungsaustausch aus – fast die Hälfte der Bewohner ist in den letzten zwei Jahrzehnten zugezogen, bei fast ebenso hohem Wegzug. Noch deutlicher zeigt es das äußere Bild. Doch das betrifft nicht nur die Raumgestalt Berlins, die Regierungsstadt und die wieder gewonnene Mitte – vom Außenministerium bis zum Neuen Museum. Die Stadt, die geprägt war durch ihre melancholische Leere, die überall die Abgründe der Geschichte ahnen ließ, ist heute zunehmend beherrscht durch die Lebendigkeit des Gedränges und Geschiebes einer normalen Metropole. Berlin, so schrieb 2007 der nicht zum Jubilieren neigende „Spiegel“, „feiere seine Wiederauferstehung als Weltbürgerstadt“.

Zum Ertrag dieses Jahrzehnts gehört aber auch das Bild, das Berlin heute in den Augen der Republik bietet. Das ist nicht frei von Spannungen und Einwänden. Aber sie werden überlagert und konterkariert von einem berlinbezogenem Gefühl der Zustimmung und der Animation, in dem sich ein Großteil der Bundesrepublik wiederfindet. Bei der Fußballweltmeisterschaft 2006 wurde es für alle zum Ereignis. Am Ende dieser Zeitspanne entspricht Berlin der Bundesrepublik, die wir in diesem Dezennium bekommen haben: ein Gemeinwesen, das sich seiner geteilten Nachkriegszeit entwunden hat, mit einem neuen, entkrampften Selbstverständnis im Inneren und der Rolle als europäische Mittelmacht nach außen.

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