Berlin : Hausbesuch beim Kanzler

Am Wochenende bitten die Bundesministerien zum Tag der offenen Tür. 150000 Gäste werden erwartet

Sebastian Leber

Wenn Siegfried Wuthe anweist, den roten Teppich auszurollen, erwartet er normalerweise Präsidenten oder Premierminister. Am kommenden Wochenende ist das anders: Da muss sich der Chef-Organisator des Kanzleramts nicht um Staatsgäste kümmern, sondern um zehntausende neugierige Berliner.

Zum siebten Mal lädt die Bundesregierung am Sonnabend und Sonntag zum Tag der offenen Tür. Kanzleramt, Presseamt und alle 13 Ministerien können dann erkundet werden, einfache Büroräume ebenso wie die Amtszimmer von Kanzler Gerhard Schröder und seinen Kabinettsmitgliedern. Wer Glück hat, kann einem der hohen Herren und Damen sogar die Hand schütteln – oder seine Meinung sagen. Erwartet werden 150000 Besucher. So viele kamen auch im vergangenen Jahr. Am größten ist der Andrang traditionell im Kanzleramt. Für Siegfried Wuthe bedeutet das jede Menge Arbeit: Seit 20 Jahren organisiert er dort alle Veranstaltungen, hat bereits über 1000 Staatsbesuche beaufsichtigt. „Weit aufwendiger“ seien aber Großveranstaltungen wie die am Wochenende: Bühnen müssen aufgebaut, Pavillons und Toilettencontainer bestellt, Absperrgitter ausgerichtet werden. Wuthe dirigiert rund 70 Leute „vom Gärtner über den Dekorateur bis zum Elektriker“. Und natürlich die Reinigungskräfte, wenn der Ansturm am Sonntagabend überstanden ist. Dann müssen die Teppiche gesäubert werden; gegen angeklebte Kaugummis gibt es ein besonderes Spray. Alles in allem gehe es beim Tag der offenen Tür aber manierlich zu – die Berliner könnten sich schließlich benehmen, sagt Wuthe.

Trotzdem wird diesmal wohl zumindest der Kanzlerrasen Schaden nehmen: Im Jahr vor der Weltmeisterschaft haben die Veranstalter den Fußball zum Schwerpunktthema gekürt. Im Park des Kanzleramts – nicht weit entfernt von der gerade enthüllten Skulptur „Non Violence“ – können Jugendliche an kleinen Turnieren teilnehmen, dazu gibt es riesige Kickertische und Torwandschießen mit Geschwindigkeitsmessung. Im Erdgeschoss des Kanzleramts befindet sich die Ausstellung „Fußball und Zeitgeschichte“, in der viele Original-Trikots und Bälle von vergangenen Weltmeisterschaften gezeigt werden.

Neben dem Fußball gibt es dieses Jahr einen zweiten inhaltlichen Schwerpunkt: Innovation. Damit sind nicht nur technische, sondern auch gesellschaftliche Neuerungen gemeint. Klar, dass die Bundesregierung bei dieser Gelegenheit auch „erfolgreiche Beispiele ihrer Innovationspolitik“ präsentieren will, wie es in einer Ankündigung heißt. Agenda 2010, erneuerbare Energien, Förderung von kleinen und mittleren Unternehmen, Ausbau von Ganztagsschulen, all das soll am Tag der offenen Tür gewürdigt werden. Mit Wahlkampf, wie die Opposition behauptet, habe dies aber nichts zu tun, betont Regierungssprecher Béla Anda gern und oft: „Das ist Unsinn.“ Vielmehr stehe die Veranstaltung für „Transparenz und Bürgernähe“ und folge einer langen Tradition. Schon die sozialliberale Koalition in Bonn habe in den siebziger Jahren jeden Sommer dem Volk ihre Türen geöffnet – er selbst könne sich noch gut erinnern, wie er als Jugendlicher staunend das Kanzleramt besucht und immerhin den leeren Stuhl von Kanzler Helmut Schmidt bewundert habe. Insofern ist Anda „froh, dass die rot-grüne Bundesregierung diese Tradition wiederbelebt hat“.

Vielleicht ist der anstehende Tag der offenen Tür für die rot-grüne Koalition vorerst der letzte. Für Siegfried Wuthe gilt das in jedem Fall: Ende August geht der 64-Jährige in Pension. Umso wichtiger also, dass bei seinem letzten Großeinsatz nichts schief geht. Wuthe ist aber guter Dinge, zumal er sich überhaupt nur an eine einzige Panne in den letzten 20 Jahren erinnert: Bei einer militärischen Ehrung sei plötzlich eine Luxuslimousine angerollt – und habe eine Vollbremsung auf dem roten Teppich hingelegt. Die Spuren konnte man hinterher „ganz gut sehen“, sagt Wuthe. Die seien viel schlimmer gewesen als der Schmutz nach einem Tag der offenen Tür.

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