Berlin : Heilsame Klänge

Im „Saitenschiff“ in Steglitz reparieren psychisch Kranke Musikinstrumente. So lernen sie, sich wieder zu konzentrieren

Claudia Keller

Vor vier Jahren hatte Reinhold Prigge eine gute und profitable Idee. Damals sortierten in einem 150 Quadratmeter großen Ladenlokal in Steglitz Menschen Gummiringe und Plastikteile – ein typischer Zuverdienstjob für psychisch Kranke. Heute reparieren sie Musikinstrumente. Ein junger Mann baut eine sechssaitige türkische Gitarre in eine fünfsaitige um, ein anderer repariert die Rollen eines Metallophons, eine Frau schrubbt mit Holzwolle eine Geige, die schwarz ist, als habe sie in Asche gelegen. An den Wänden hängen Gitarren und Mandolinen, in einer Ecke stapeln sich Akkordeons, in Pappkisten Handtrommeln mit zerschlissenen Fellen. Bald wollen sie eine eigene Firma gründen.

„Das Geschäft mit dem Sortieren von Gummi- und Plastikteilen ist immer schwieriger geworden“, sagt Prigge, „weil sich auf dem Sektor der Industriereparatur zunehmend polnische Firmen tummeln.“ Prigge vertrieb sich seine Zeit als arbeitsloser Erzieher mit Instrumentenbau. Und als ihn die Reha-Steglitz, ein Verein mit Tagungshäusern und Werkstätten für psychisch Kranke, nach einer Idee fragte, war das „Saitenschiff“ geboren.

Da viele Schulen immer weniger Geld haben, um sich neue Instrumente zu kaufen, hat die Werkstatt immer mehr zu tun. 13 Leute arbeiten hier wöchentlich an einem bis fünf Tagen für drei Stunden – je nach dem, wie viel sie sich zutrauen. Prigge steht im Laden und verkauft Instrumente. Denn viele Berliner und auch Schulen überlassen der Werkstatt alte Instrumente, die hier überholt oder repariert und weiterverkauft werden. Eine Gitarre gibt es schon für 50 Euro.

Die Instrumentenbauer waren zuvor in der Psychiatrie. Nun tasten sie sich wieder an einen Arbeitsalltag heran, indem sie sich drei Stunden lang auf eine gerissene Saite konzentrieren. Es gibt viel und viel Unterschiedliches zu tun: vom Schrubben über das Stimmen bis hin zu komplizierten Reparaturen an der Elektronik eines Synthesizers. Eine Ausbildung als Instrumentenbauer hat keiner, aber sehr viele haben vor ihrer Erkrankung Musik gemacht. Ein professioneller Musikinstrumentenbauer leitet sie an; es sollen ja nicht nur geliebte, sondern auch solide Instrumente die Werkstatt verlassen. Reinhold Prigge kümmert sich um die Geschäftsführung, den Kontakt zu den Schulen und der Schulverwaltung.

Sein Ziel ist es, die Werkstatt in einen Privatbetrieb zu verwandeln, den die ehemaligen Kranken selbst führen sollen. Aber so weit ist es noch nicht. Jetzt muss Prigge erstmal Geld für die Miete auftreiben, was ihm und der Reha-Steglitz große Sorgen macht. Denn die 150 Quadratmeter kosten 1800 Euro im Monat. In einem Jahr läuft der Mietvertrag aus. Dann muss eine neue Bleibe gefunden werden. Der Senat finanziert Prigges Stelle, die einzige Festanstellung im „Saitenschiff“. Die Instrumentenreparierer bekommen Sozialhilfe und für ihren Dienst an den Gitarren eine Aufwandsentschädigung für „geringfügige Arbeit“. Vielleicht können die Spenden der Tagesspiegel-Leser die Mietsorgen mindern.

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