Heimathafen Neukölln : Beim Open-Mike-Finale gibt's Literatur mit Ansage

20 Nachwuchsschriftsteller sind im Finale um den Open Mike heute im Heimathafen Neukölln. Es geht um Geld – und um bessere Texte.

Max Deibert
So sehen Sieger aus. Doris Anselm gewann 2014 mit ihrem Text „Die Krieger des Königs Ying Zheng“ den Open Mike. Der Preis hemmte sie bis zur Schreibblockade.
So sehen Sieger aus. Doris Anselm gewann 2014 mit ihrem Text „Die Krieger des Königs Ying Zheng“ den Open Mike. Der Preis hemmte...Foto: Promo

Doris Anselm steckt noch immer im Bademantel, die Haare ungefönt. Sie kommt einfach nicht voran, weil ihr Telefon ununterbrochen klingelt. Man will Ratschläge von ihr oder Meinungen zum Wettbewerb. Doris Anselms Leben hat sich ziemlich verändert, seit sie im vergangenen Jahr den Open Mike Wettbewerb gewonnen hat. Sie wurde von einer Agentur verpflichtet und schreibt an etwas, worüber sie nicht sprechen darf. Nun, einen Tag vor dem diesjährigen Finale im Heimathafen Neukölln, wollen alle mit ihr sprechen.

Es ist einer dieser Wettbewerbe für angehende Schriftsteller. Man erwartet zittrige Stimmchen und pfeifende Mikrofone. Stattdessen sitzen lächelnde Autoren mit durchgedrückten Rücken an den Lesetischen. Sie erzählen Witze, lesen ihre Texte so souverän, als hätten sie Schauspielunterricht genommen. Einige haben das auch. Die Jury vergibt Preise in Höhe von mehreren tausend Euro. Das soll eine Nachwuchsveranstaltung sein?

Zum 23. Mal findet der Open Mike Wettbewerb an diesem Wochenende statt, 7500 Euro gibt es in verschiedenen Kategorien zu gewinnen. Die 600 Bewerber, alle unter 35 Jahren und noch ohne Buchveröffentlichung, haben Kurzprosa und Lyrik eingereicht, 20 von ihnen treten ab heute im Finale an.

Der Prototyp eines coolen Mittzwanzigers

Mit dabei ist auch Felix Kracke, und der findet das Konzept klasse. „Der Open Mike ist der Szenetreff, wo Verleger und Verlage sich die Klinke in die Hand geben und sagen: Mir gefällt, was du schreibst, komm doch mal vorbei“, sagt er. Unter seinem Basecap kräuseln sich dunkle Haare, er trägt Lederjacke und Dreitagebart – sucht man den Prototyp eines coolen Mittzwanzigers, der „was mit Medien“ studiert, passt er perfekt ins Klischee.

Gerade wartet Kracke auf einen Studienplatz. Ein halbes Jahr lang besucht er als Gasthörer den Studiengang „Szenisches Schreiben“ an der UDK. Er interessiert sich für die Gratwanderung zwischen modernem Theater à la „nie wieder Shakespeare“ und konservativeren Stimmen, die sich ein Theater ohne Brecht-Inszenierungen nicht vorstellen können. Er begann daraufhin „intensiv zu schreiben“ und verfasste sein erstes Stück: Hypertroja Wonderland.

Es ist ihr erstes Interview

Das Thema Digitalisierung, in Theatersprache: „fortschreitende Metamorphose des menschlichen Lebens im Digitalen“, erzählt durch die Handlung der Eroberung der Stadt Troja. Der Krieg um die Stadt sinnbildlich für unser kopfloses Taumeln durch die digitale Welt.

Felix Kracke lässt seinen Blick durchs Café schweifen. Viele Gäste tragen Kopfhörer, schauen konzentriert, tippen im Akkord. Andere blättern durch Reclam-Hefte oder Magazine. „Es wirkt sich aufs Schreiben aus, wenn man den ganzen Tag nur über Texte redet. Die hohe Dichte an Menschen, die schreiben und Kunst schaffen, ist an Berlin ganz besonders.“

Einen weiteren dieser Menschen wird er bald kennenlernen: In der Universitätsstraße in Mitte rührt Lilli Sachse mit leicht bebenden Fingern in ihrem Milchkaffee. Es ist ihr erstes Interview. Sie schreibt Gedichte, die Bezug zur Stadt haben: „Das waren nicht gerade meine besten Texte.“ Sie kichert. Und jetzt steht sie im Finale. Lilli Sachse ist 25, Berlinerin, nach dem Abi wollte sie schnell selbstständig werden, eigene Wohnung, eigenes Leben. Sie begann den dualen Studiengang Steuerrecht. Die Lyrik ist für sie ein Ausgleich zu ihrem trockenen Stoff.

Veröffentlichungen sind nicht das erste Ziel

Anders als Kracke, der sich mit lauter Stimme und flinken Handbewegungen jede Frage zurechtrückt, um eine elegante Antwort geben zu können, lächelt Lilli Sachse nachdenklich, nimmt sich einen Moment Zeit, um die Frage sacken zu lassen. Was sie sich vom Open Mike erhofft? „Ich würde gerne besser im Schreiben werden, Texte schreiben, die mir noch besser gefallen.

Veröffentlichungen würden mich glücklich machen, aber es ist nicht mein erstes Ziel.“ Zu polarisieren scheint nicht Lillis Spezialität zu sein. Doris Anselms Leben wurde deutlich komplizierter nach ihrem Sieg im vergangenen Jahr. So sehr ihr die persönliche Bestätigung, wie sie es nennt, guttat, nach dem Wettbewerb litt sie einen Monat lang unter einer Schreibblockade. Sie brauchte Zeit, um sich zu sammeln, wieder von vorne anzufangen, wie sie es bei ihren Geschichten immer tut.

Open Mike Wettbewerb: Heimathafen Neukölln, Karl-Marx- Straße 141; Sa ab 14 Uhr, So ab 11 Uhr. Eintritt frei.

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