Berlin : Heimkehr eines Kriegsvermissten

Fast 60 Jahre galt das sakrale Ölgemälde „Die Geißelung Christi“ als verschollen. Nun kommt das Bild aus den USA zurück ins Jagdschloss Grunewald

 Andreas Conrad

Das Blut quillt nur tropfenweise aus dem geschundenen Körper, und das Gesicht des Delinquenten bleibt sanft und ergeben, obwohl doch im nächsten Moment wieder die Hiebe der vier Folterknechte auf ihn niederprasseln werden. Eine realistisch-brutale Darstellung hatte der Künstler nicht im Sinn, als er seine „Geißelung Christi“ in Öl auf eine Eichenholztafel malte. Ein mehr erbauliches als erschreckendes Werk hat er geschaffen, dazu von bescheidener Größe, irgendwo zwischen DIN A 4 und DIN A 3, gut zu verstauen, leicht wegzuschaffen.

Möglich, dass gerade die Handlichkeit des frommen Meisterwerks ihm zum Verhängnis wurde, dass sie für die im Sommer 1945 ins Jagdschloss Grunewald eingedrungenen Kunstdiebe ein entscheidender Grund war, neben etwa einem Dutzend weiterer Werke auch die spätmittelalterliche Folterszene mitgehen zu lassen. Rund 60 Jahre galt das Bild in Berlin als verschollen, tauchte erst 2004 im Bestand des Indiana University Art Museum in Bloomington wieder auf. Die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten hatte einen Katalog ihrer Gemäldekriegsverluste erstellt, von dem auch das Museum in der amerikanischen Universitätsstadt Kenntnis erhielt. Das seit Jahren dort ausgestellte Bild wurde als rechtmäßiger Besitz der Stiftung im fernen Berlin erkannt und soll nun an diesem Montag, wie in einem Teil der Ausgabe berichtet, bei einer Zeremonie im Schloss Charlottenburg übergeben werden. Danach kehrt es zurück ins Jagdschloss.

Das um 1480 entstandene Gemälde gehörte ursprünglich zu einem Altar. Geschaffen hat es ein Maler, der unter Kunsthistorikern in Ermangelung seines richtigen Namens als „Meister der Aachener Schranktüren“ oder auch „Meister des Aachener Marienlebens“ gehandelt wird. So nennt man ihn wegen seiner für den Apsisaltar im Aachener Münster geschaffenen Bildtafeln.

Die „Geißelung Christi“ tauchte im frühen 19. Jahrhundert in der exzellenten und umfangreichen Sammlung des englischen, damals in Berlin lebenden Händlers und Kunstfreundes Edward Solly auf. Dessen besonders im Holz- und Getreidehandel tätige Firma geriet im Zuge der napoleonischen Kriege in wirtschaftliche Schwierigkeiten, so dass Solly die Sammlung 1821 an den preußischen König Friedrich Wilhelm III. verkaufen musste, darunter auch die von ihm einige Jahre zuvor erworbene „Geißelung Christi“. Das Bild fand sich 1883 in der Inventurliste des Berliner Stadtschlosses, 1932 kam es in das damals zum Museum umgewandelte Jagdschloss Grunewald. Aus dem verschwand es im Sommer 1945, gestohlen offenbar „von russischen und britischen Soldaten“, wie das Museum in Bloomington vermutet.

Das Bild sei dann 1967 vom damaligen Präsidenten der Indiana University, Hermann B. Wells, in einer Londoner Galerie erworben worden, „in gutem Glauben“, wie betont wird. Wells hatte 1948 als kulturpolitischer Berater von US-Militärgouverneur Lucius D. Clay die Gründung der Freien Universität Berlin unterstützt und setzte sich auch auf ganz anderen Gebieten für die akademische Freiheit ein. So verteidigte er den an seiner Universität in den späten vierziger und fünfziger Jahren forschenden Sexualwissenschaftler Alfred Charles Kinsey energisch gegen konservative Angriffe.

Wells gilt an der Indiana University bis heute als hauseigene Galionsfigur der Wissenschaftsfreiheit, auf dem Campus erinnert an ihn eine lebensgroße Bronzeskulptur. 1985, 15 Jahre vor seinem Tod, hatte er die „Geißelung Christi“ dem Museum geschenkt. Erst 2004 erfuhr man dort von deren Vorgeschichte und dem Diebstahl, bis 2006 prüfte man den Vorgang, stimmte dann der Rückführung nach Berlin zu. Dass es danach noch fünf Jahre dauerte, bis das Gemälde nun zurückkehrt, erklärt man bei der Schlösserstiftung mit der damals anstehenden Sanierung des Jagdschlosses, in deren Verlauf die dortige Sammlung ausgelagert werden musste. Den mehrfachen kurzfristigen Ortswechsel wollte man dem kleinen Meisterwerk ersparen. Schließlich bedeutet jeder Umzug für solch ein altes Werk eine Art Geißelung.

Hüttenweg 100, geöffnet im Winter samstags, sonntags, feiertags 10-16 Uhr; Führungen um 11, 13 und 15 Uhr, 3-5 Euro

0 Kommentare

Neuester Kommentar