Berlin : Heinz Quirin, geb. 1913

Ursula Engel

An manchen Tagen lebte Heinz Quirin im Mittelalter. Über lateinische Quellen, Urkunden und dicke Bücher gebeugt saß er in seinem Arbeitszimmer und tauchte ein in eine andere Zeit. "Es hatte dann gar keinen Sinn mit ihm zu reden", sagt seine Frau Gertraud. "Er war nicht ansprechbar." Der Historiker war fasziniert von dem Leben der Menschen im Mittelalter. Jedes Detail, ob es um Ackerbau, Musik, Kultur, Religion oder das Weltbild dieser Zeit ging, konnte ihn fesseln. "Die Biografien der mittelalterlichen Gelehrten beeindruckten ihn ganz besonders", sagt seine Frau. Er wäre wohl selbst gerne einer von ihnen gewesen. Einer derjenigen, die durch ihre Erkenntnisse die Welt verändert haben.

Der Historiker der Freien Universität beschäftigte sich mit der vergleichenden Landeskunde. Dies und seine Forschungen über die spätmittelalterlichen Reichstage brachten ihm die Anerkennung der Kollegen. Generationen von Geschichtsstudenten kamen an seiner 1950 erstmals erschienenen "Einführung in das Studium der mittelalterlichen Geschichte" nicht vorbei.

Darüber hinaus wollte ihm der große Wurf jedoch nicht gelingen. Die Veröffentlichung seiner Habilitation, einer Gemeinschaftsarbeit mehrerer Wissenschaftler, wurde von Jahr zu Jahr verschoben. Vor acht Jahren - da war Heinz Quirin schon fast 80 Jahre alt - machte sich noch einmal ein Verlag an das Projekt.

1965 gab man Heinz Quirin den Lehrstuhl für vergleichende Landeskunde. Eine Wissenschaft, die man im ummauerten West-Berlin eigentlich gar nicht betreiben konnte. Schließlich war die Stadt von einem Land umgeben, das sich partout nicht erkunden lassen wollte. Durch Vergleiche von ähnlich strukturierten Landstrichen in Deutschland und Europa entwickelte Heinz Quirin mit anderen Historikern Kriterien, die halfen, Rückschlüsse auf Berlin und sein Umland zu ziehen. Seine Arbeit bestand im mühevollen Sammeln und Auszählen von Daten. Mit ihrer Hilfe entstanden historische Landkarten von Berlin, die man sich heute im Historischen Handatlas ansehen kann.

"Das Genaue, das passte zu ihm", sagt sein ehemaliger Historikerkollege Dietrich Kurze. "Er war nicht der große Theoretiker, sondern dem Handwerklichen sehr zugetan." Bei ihm habe immer alles 150-prozentig sein müssen. "Er war sehr skrupelhaft, deshalb hat er letztlich sehr lange gebraucht, bis ein Artikel fertig war. Deshalb konnte er nicht sehr viel veröffentlichen."

Viel verlangt hat er von sich, aber auch von anderen. Als Prüfer war er gefürchtet. So gesellig und humorvoll der gebürtige Sachse sein konnte, so unerbittlich war er, wenn ein Student in der Zwischenprüfung beispielsweise eine kaiserliche nicht von einer päpstlichen Urkunde unterscheiden konnte. Privat war er dagegen leger, sagt Gertraud Quirin. "Er legte überhaupt keinen Wert auf seine Kleidung, liebte Gesellschaft."

Manchmal war er etwas verträumt, vor allem aber sehr aufgeschlossen, in manchen Dingen geradezu emanzipiert. So war es für das frisch verheiratete Ehepaar schon Anfang der sechziger Jahre keine Frage, dass Heinz den Ruf nach Berlin annahm, während Gertraud in Göttingen blieb, ihren eigenen Doktor in Physik machte und leidenschaftlich der Segelfliegerei nachging. Heinz Quirin unterstützte die Ambitionen seiner Frau, half ihr unter anderem auch beim Lateinpauken. Damit ihr das das Lernen leichter fiel, schrieb er ihr Gedichte in der Sprache, die niemand mehr spricht.

1979, kurz vor seiner Emeritierung, erlitt Heinz Quirin einen Schlaganfall. Seine Beweglichkeit war von nun an durch eine halbseitige Lähmung stark eingeschränkt. Das Ehepaar beschloss, in die Nähe des Sohnes und der Enkelkinder nach Preetz zu ziehen. Heinz Quirins Neugier am Berliner Institut aber blieb. "Die Personalien interessierten ihn sehr", sagt Dietrich Kurze. So musste er allerdings vor eineinhalb Jahren auch hören, dass seine alte Stelle gestrichen wurde. Sein Lebenswerk wird nicht fortgesetzt. "Das hat ihn geschmerzt, aber nicht verbittert", sagt Gertraud Quirin. Er blieb Optimist.

Bis zu seinem Tod hoffte er nun umso mehr, dass er die Veröffentlichung seiner Habilitation noch erleben würde. Daraus ist nichts geworden. Die Literaturliste muss noch überarbeitet werden. In den Jahrzehnten haben andere so viel Neues über die alten Zeiten geschrieben.

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