Berlin : Heißes Pflaster vor dem Bendlerblock

290 Bundeswehrrekruten kommen heute zum Gelöbnis. Bei der Rekordhitze müssen sie eine Stunde strammstehen

Jörn Hasselmann

Das hat es in der Geschichte der Bundeswehr noch nicht gegeben. Ein Gelöbnis junger Rekruten, die in kurzärmeligen Hemden antreten. Ob das heute Abend erstmals geschehen wird, ist noch nicht sicher. Die für heute erwartete Hitze hat solche Überlegungen allerdings auf die Tagesordnung der Verantwortlichen im Verteidigungsministerium gebracht. Bei der Truppe hieß es, es sei unverantwortlich, die jungen Soldaten eine knappe Stunde mit langem Hemd und dicker Uniformjacke strammstehen zu lassen. Doch gestern fand sich noch niemand, der das Kommando für diesen Tabubruch geben wollte.

Der britische Verteidigungsminister Desmond Browne wird heute Abend bei dem traditionellen Gelöbnis am Bendlerblock die Gastrede halten. Auch 110 britische Soldaten nehmen an der Feier teil. 290 junge Rekruten werden ab 19 Uhr geloben, „der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen“.

Das Hitzeproblem gab es bereits im Jahr 2003. Damals kippten zwei Dutzend Rekruten in sengender Hitze um. Sie mussten das Gelöbnis nachholen. Ein anderes Problem wird es in diesem Jahr voraussichtlich nicht geben. Wie berichtet, hatte die Kampagne gegen Wehrpflicht ihre Demo gegen die feierliche Zeremonie vor wenigen Tagen abgesagt, weil diese „drohte, zu einem Ritual zu werden“. In den vergangenen Jahren war der Protest immer schwächer geworden, nachdem es den Militärgegnern 1999 und 2001 noch gelungen war, die Zeremonie zu stören. Die Kontrollen von Polizei und Feldjägern waren daraufhin strikter geworden, die Demonstranten kamen nicht mehr in die Nähe des Platzes.

Dabei hatte das Verwaltungsgericht vor wenigen Wochen auf eine Klage der Wehrpflichtgegner hin untersagt, dass das Land Berlin der Bundeswehr in diesem Areal das „Hausrecht“ einräumt. Auch heute werden die Straßen rund um den Appellplatz neben dem Bundesverteidigungsministerium abgesperrt. Statt einer „Sondernutzungserlaubnis“ für die Bundeswehr hat die Polizei allerdings eine „Allgemeinverfügung“ erlassen. Der Sieg vor Gericht hat für die Gegner also kaum praktischen Nutzen gehabt.

Offen bleibt, ob es heute Störversuche durch Kleingruppen geben wird. Am Sonnabend, auf einer Demonstration von knapp 300 Protestlern aus linkspolitischen Gruppen gegen den G8-Gipfel war dazu aufgerufen worden. Die Polizei erwartet jedoch keine größeren Proteste. 900 Beamte sind im Einsatz. Das sind rund 100 weniger als in den Vorjahren.

Seit 1999 findet das Gelöbnis auf Weisung des damaligen Verteidigungsministers Scharping an jedem 20. Juli – dem Jahrestag des Attentats auf Hitler – am Bendlerblock statt. In allen Jahren hatten Linke demonstriert, teilweise hatte es heftige Auseinandersetzungen mit der Polizei gegeben. Wegen der zu erwartenden Verkehrsbehinderungen empfiehlt sie Autofahrern, den Bereich zwischen 12 und 20 Uhr zu umfahren.

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