Helfer-Syndrom : Ehrenamt: Wenn Helfen krank macht

Etwa 30 Prozent aller Berliner engagieren sich ehrenamtlich. Was als Ausgleich beginnt, kann Selbstausbeutung enden. Die Diagnose: Helfer-Syndrom.

Sophie Aschenbrenner
Immer im Einsatz. Hans-Hermann Keune im Kindertheater Lichterfelde.
Immer im Einsatz . Hans-Hermann Keune im Kindertheater Lichterfelde.Foto: Thilo Rückeis

Wenn Hans-Hermann Keune morgens um halb acht Uhr aufsteht, liegt ein langer Tag vor ihm. Arbeit bis etwa drei Uhr nachts, knapp fünf Stunden Schlaf – sieben Tage die Woche. Feierabend? „Da winke ich nur müde ab“, sagt der 49-Jährige aus Lichterfelde. Wochenende? Fehlanzeige. Keune schiebt Doppelschichten. Hauptberuflich ist er Cutter. Er feilt gerne an den Filmen, legt hier noch einen Effekt über die Szene, baut da eine Blende ein.

Zusätzlich führt Keune seit 15 Jahren ehrenamtlich das Kindertheater Lichterfelde. Jeden Vormittag sind Vorstellungen, am Wochenende und abends organisiert er Workshops und Geburtstage. Es kommen Kinder aus ganz Berlin, Kitagruppen und Familien. Manche hat Keune aufwachsen sehen – sie waren als Kleinkinder schon da, später bei den Workshops dabei.

Das Wort „Helfersyndrom“ fällt schnell, um Leute zu beschreiben, die andere unterstützen, wo es nur geht. Isabella Heuser, Direktorin der Klinik Psychiatrie und Psychotherapie an der Berliner Charité, definiert das Phänomen so: „Jemand engagiert sich, ohne auf die eigene Kraft zu achten.“ Rund 30 Prozent der Berliner engagieren sich ehrenamtlich. Nach Heusers Schätzung könnten etwa zwei Prozent der rein ehrenamtlich Beschäftigten vom Helfersyndrom betroffen sein. „Die Zahlen könnten noch höher liegen bei Berufstätigen, die sich zusätzlich ehrenamtlich engagieren.“

Erschöpft nach dem Wochenende

Der Prozess von Hilfe zu Selbstausbeutung sei schleichend. Die Probleme beginnen laut Heuser, wenn man trotz Ausgleichszeiten einen Montagmorgen so erschöpft beginnt, wie man einen Freitagabend beendet. Typisch sind Schlafstörungen, Erschöpfung, motorische Unruhe.

Für Keune musste es härter kommen. Erst als er vor fünf Jahren an Weihnachten wegen schweren Magenproblemen im Krankenhaus landete, merkte er: Ich mache mich kaputt. Da saß er noch im Vorstand der Berliner Tafel. Die Frau, die damals die Notbremse für ihn zog, ist Sabine Werth. Sie hat die Berliner Tafel gegründet, noch heute ist sie Vorsitzende. Sie legte Keune nahe, den Vorstand nach 16 Jahren Einsatz aufzugeben – er hörte auf sie. „Natürlich werden die, die nicht Nein sagen können, oft eingesetzt“, sagt Werth. Sie selbst achte mit ihrem Team darauf, niemanden zu überfordern. Doch meist seien die besonders Engagierten eben auch besonders gut.

Das Privatleben hat das Nachsehen

Wenn Keune heute über die Tafel spricht, wird deutlich: Mit dem Herzen ist er noch dabei. Nach wie vor holt er zweimal im Monat Lebensmittel ab und verteilt sie an bedürftige Stellen. Im Theater ist Keune sein eigener Chef, er muss seine Belastung selbst überwachen. Der braun gebrannte, energiegeladene Mann erzählt schnell und bestimmt. Er war mal mit einer Schauspielstudentin zusammen. Sie hatte den Traum, ein Theater zu eröffnen. Gemeinsam mieteten sie die Räume in der Drakestraße. Die Beziehung zerbrach, Keune führte das Theater weiter. Seine Mitarbeiter bezahlt er – nur für ihn selbst wirft das Theater nichts ab. „Wenn ich erfahre, dass manche Kinder hier den schönsten Geburtstag ihres Lebens hatten, gibt mir das viel.“

Zurück steckt Keune vor allem im Privatleben. Eine Familie hat er nie gegründet, auch wenn er immer wieder mal eine Freundin hatte. An manchen Nachmittagen oder im August, wenn das Theater geschlossen ist, zieht er sich in seinen Schrebergarten zurück. „Da liege ich dann auch mal im Liegestuhl“, sagt er.

Süchtig nach Anerkennung

Isabella Heuser nennt für eine Überforderung durch das Ehrenamt vor allem „narzisstische Gründe“ und betont: Dies sei nichts Negatives. „Wir wollen alle gelobt werden und genießen das Gefühl, wichtig zu sein.“ Wenn sich jemand durch das Ehrenamt ausbeuten lasse, müsse man in erster Linie die ehrenamtliche Aktivität reduzieren.

Hilfe gibt es an vielen Stellen: Jeder Bezirk hat einen Krisendienst, viele Firmen und Organisationen bieten ihren Mitarbeitern psychosoziale Beratungsstellen. Susanne Eckhardt von der Landesfreiwilligenagentur Berlin empfiehlt allen Freiwilligen, im Vorfeld schriftlich mit der Organisation zu vereinbaren, wann und in welchem Maße die ehrenamtliche Tätigkeit stattfinden wird. „Wichtig ist auch ein fester Ansprechpartner, an den man sich bei Überforderung wenden kann“, sagt sie.

Reduzieren fällt Hans-Hermann Keune schwer, auch wenn er inzwischen sorgsamer mit sich umgeht. Die Kindergeburtstage führen mittlerweile Helfer durch, den Kuchen und die Pizza dafür backt Keune immer noch selbst. Der Stress geht für ihn oft erst los, wenn er Aufgaben abgibt und nicht ganz sicher sein kann, dass es klappt, wie er es sich vorstellt.

Entspannung im Ruhestand?

Vielleicht habe er „eine Art Helfersyndrom“, sagt Keune. Er selbst mag das Wort jedoch nicht. „Es versucht, die gegebene Hilfe – die sicherlich jemandem von Nutzen war – negativ zu bewerten.“ Im Dauerstress sei er heute nicht mehr. Er brauche kein Wellnessbad, um sich zu entspannen: Es genügt ihm, beim Beantworten seiner Mails gute Musik zu hören. Wird er auf den Ruhestand warten müssen, bis er zu etwas mehr Entspannung kommt? „Ich bin mir sicher, dass ich dann sehr schnell wieder etwas anderes finden werde“, sagt er. Zurücklehnen sei einfach nicht so sein Ding.

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