Berlin : Helga Scherer (Geb. 1949)

„Es gibt keine schwierigen Kinder, es gibt nur schwierige Erwachsene.“

Sebastian Ratt,e

Ein Kind sitzt auf ihrem Schoß, eins, das neben ihr steht, streichelt sie, um es zu trösten, und ein drittes, es spielt etwas entfernt im Sandkasten, hat sie aufmerksam im Blick. Der Spielplatz liegt im warmen Licht eines Spätsommertages. Auf dem Foto sieht man Helga Scherer bei der Arbeit. Sie ist Erzieherin und Kita-Leiterin, eine die weder Vorlieben noch Abneigungen kennt, bereit, jedes Kind als weise und eigenständig wahrzunehmen. Erwachsene haben es oft schwer mit ihr. Sie sagt: „Es gibt keine schwierigen Kinder, es gibt nur schwierige Erwachsene.“

Der Start ins Leben entscheidet über vieles, Helgas Start ist ein Desaster. Entscheidungen werden nicht getroffen und wenn doch, dann sind es Entscheidungen, deren Gründe ihr ein ganzes Leben lang Rätsel aufgeben. Helgas Vater ist Korse, Soldat in der französischen Besatzungszone. Er würde seine Tochter mit den dunklen Augen und der wilden Lockenpracht gerne kennenlernen, aber die Mutter lässt es nicht zu. Eine amerikanische Familie will das Mädchen adoptieren, die Mutter lässt es aus den USA wieder zurückholen. Sie nimmt dieses „Kind der Sünde“ aber auch nicht zu sich. Helga ist vier, als sich nach Jahren in Heimen und – wegen einer Tuberkulose – langen Monaten im Kinderkrankenhaus, eine Pflegefamilie im Saarland findet.

Als exotisches „Besatzerkind“ mit leicht dunkler Haut wird sie vorgeführt, als „Bastard“ muss sie in der Schule abseits auf einer Sonderbank sitzen. Es sind die fünfziger Jahre, zu Hause herrschen Ordnung, Sauberkeit und Gottesfurcht. Von Helga wird Dankbarkeit erwartet, es wird mit Heim gedroht, wenn sie nicht funktioniert. Schön sind die Sonntage, wenn der Pflegevater Schallplatten auflegt. Die Liebe zur klassischen Musik ist das Einzige, was sie mitnimmt, als sie mit 17 die Familie und das Saarland verlässt. Sie wird nie wieder zurückkehren.

„Du lernst, dass Liebe nicht bedeuten soll, sich am anderen anzulehnen / und Gesellschaft zu haben / nicht immer heißt, Sicherheit zu haben“, Zeilen aus einem Gedicht mit dem Titel „Abschied“. Wann Helga es geschrieben hat, wissen die Freunde nicht, aber sie schreibt darin über das Thema ihres Lebens. „Und du lernst, alle deine Straßen heute weiterzubauen / Weil der Boden von Morgen zu unsicher ist für Pläne / Und sich Zukunftsgedanken zu leicht in Träume auflösen / Mit jedem Abschied lernst du.“

Mit Anfang zwanzig kommt Helga nach Berlin. Es sind spannende Zeiten für eine junge Erzieherin, da prallt die neue antiautoritäre Theorie auf die alten Probleme des Alltags, auf die Notwendigkeit, Kindern gegenüber konsequent zu sein. Sie stürzt sich in die Arbeit, ist so etwas wie eine Powerfrau, strahlt Wildheit aus, aber immer mit einem Zug Melancholie. In ihre kleine, chaotische Wohnung lädt sie Freunde zum Essen ein; es gibt Servietten, Rotwein und Kerzenlicht – und zu essen: Rippchen mit Sauerkraut und Kartoffelbrei. Helga wird von Männern wie von Frauen umschwärmt und umworben. Sie lernt Anni kennen, eine Kollegin von imponierendem Ernst, großer Ruhe, und scharfer, doch warmer Intelligenz. Es wird eine große, kurze Liebe.

Freundschaften und Beziehungen, die in Schwierigkeiten geraten, bekommen in Helgas Leben selten eine zweite Chance. Da ist sie hart, bricht oft von einem Tag zum anderen den Kontakt komplett ab. Es ist nicht die Scheu vor Konflikten, keine Feigheit, die sie weglaufen lässt. Für Helga hat es etwas mit Würde zu tun, mit Selbstschutz. Hinter der Stärke, die alle sehen, lauerte der Zweifel, ob die Liebe das alles wert ist und, ja, ob sie selbst der Liebe anderer wert ist.

Die Krebs-Diagnose trifft Helga Scherer hart. Sie ist 53 und zieht sich ganz zurück. Durch einen glücklichen Zufall erfährt Anni von ihrem Schicksal. Die beiden können an die alte tiefe Verbindung anknüpfen. Anni, deren Wohnung groß genug ist, sagt es nicht direkt, aber Helga versteht: Sie kann zu ihrer Freundin gehen und dort sterben. Sie wird nicht alleine sein. „Meine Augen sind müde, aber mein Herz ist noch wach“, hatte einmal eins der Kita-Kinder vor dem Einschlafen zu ihr gesagt. Sebastian Rattunde

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