Berlin : Helmut Stieler (Geb. 1948)

Er lernte, viel zu schweigen. Wenn er schrie, war da keiner, der ihn hörte

Rebecca Menzel
Helmut Stieler (1948-2014)
Helmut Stieler (1948-2014)Foto: privat

Seine Kindheit lag in einer Wolke, in die nur er hineintauchen durfte. Sie war dunkel, sehr dunkel. Helmut war ein Heimkind, warum seine Eltern ihn nicht bei sich haben wollten oder konnten, das erfuhr er nie. Er lernte, viel zu schweigen, und wenn er mal schrie, dann war da keiner, der ihn hörte. Ein Fluchtversuch misslang, er kam in andere Heime mit noch höheren Zäunen, noch festeren Türen, noch größeren Ängsten.

Mit 18, das Abitur in der Tasche, wurde er in die Freiheit entlassen. Und was studierte er, der sich nichts sehnlicher wünschte, als aus der Erinnerung auszubrechen? Heimpädagogik. Er wollte alles anders machen, das System verändern.

Sein Fluchtort: Prenzlauer Berg. Hier fand Helmut die Menschen, die eine Freiheit erprobten, die im Land nicht vorgesehen war. Gedanken wurden getauscht, Träume geteilt, Bücher aus dem Westen hin und her geliehen. Helmut trug unterm Wollpullover Bücher aus der Bibliothek nach Hause, die eigentlich nicht auszuleihen waren. Seine Themen: Montessori, antiautoritäre Erziehung, westdeutsche Kinderläden. Er fotografierte, las Dostojewski und Tolstoi und schrieb Gedichte. In der Szene blieb er Beobachter, ein Dokumentarist mit der Kamera. Freunden bereitete er wohlige Abende, der Samowar wurde angeheizt, üppiges Essen gereicht, sanftes Licht, die richtige Musik – alles sollte perfekt sein. Bis die Gäste erschöpft verlangten: „Helmut, mach mal Pause!“

Er arbeitete in einem Heim und fiel bald auf. Sein Versuch, die Kinder zu selbstbestimmten Menschen zu erziehen, ihnen mehr Freiheit zu geben, scheiterte. Er war allein und wurde denunziert. Es gab den Vorwurf, er habe einen Mord begangen. Wie es dazu gekommen war und wie er aus der Sache rauskam, weiß niemand.

Als Erzieher durfte er nicht mehr arbeiten. Er schuftete in der Restaurantküche, als Bühnenarbeiter, gab Nachhilfe. Und verließ nie seine Wohnung unaufgeräumt: Wenn die Stasi sie durchsuchte, würde er es merken. Bestimmt würden sie kommen, da war er sicher. Er bat Freunde, bei ihnen bleiben zu dürfen. Er schrieb Briefe an Schriftsteller, Künstler, Pfarrer. Er engagierte sich in der Initiative für Frieden und Menschenrechte. Als er einen Brief an Margot Honecker, die Volksbildungsministerin, geschrieben hatte, kam er wegen öffentlicher Verunglimpfung vor Gericht.

1990, als sich das alte System aufgelöst hatte, hütete er die Kinder im Haus der Demokratie, während ihre Eltern versuchten, die Bürgerrechtsbewegung lebendig zu halten. Helmut nahm die Kinder mit in die Hotels der Friedrichstraße und fuhr mit dem Lift nach ganz oben. Sie sollten sehen, wie groß die Welt war, und ahnen, welche Abenteuer sie bereithielt. Es gab noch so viel zu tun, denn in den Kinderheimen der neuen Bundesländer änderten sich die Verhältnisse nur langsam. Helmut stand vor Menschen, die er als Täter erkannte. Und keiner glaubte ihm. Er hatte keine Beweise. Er suchte andere Heimkinder, er ging in die Archive. Doch er war kein Journalist, kein Wissenschaftler. Mit seiner eigenwilligen Sprache fand er wenig Resonanz in den Institutionen der DDR-Aufarbeitung.

Wurde die innere Unruhe zu groß, lief er los, am liebsten um die Seen in Brandenburg und Mecklenburg. Es war, als flüsterten die Blätter der Bäume heilende Worte. Er organisierte Ferienlager und Abenteuerreisen für Flüchtlinge und andere Außenseiter. Um eine Entschädigung für das Leid, das die DDR ihm angetan hatte, zu erlangen, musste er sich einer ausführlichen Untersuchung unterziehen. Immerhin erhielt er danach eine kleine Rente, die ihn vorm Gang zum Sozialamt bewahrte.

Sein Herz schlug schon lange in einem eigenwilligen Takt, nach einer Operation schlich er ein Jahr lang mit aschfahlem Gesicht die Treppen zu seiner kleinen Wohnung hoch. Langsam fand er zurück zu neuer Kraft und machte wieder seine Touren. So fand man ihn auf einem Feldweg bei Neuenhagen, ganz in der Nähe eines Kinderheims, in dem auch sein Bett einmal gestanden hatte.

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