Berlin : Heraus aus der Tabuzone

„Treffpunkt Tagesspiegel“ im Hotel Intercontinental über Kriegsende und Neubeginn vor 60 Jahren Von „Befreiung“ kann nur im Westen die Rede sein Arnulf Baring, Historiker

Thomas Loy

60 Jahre nach Kriegsende werde die Debatte um Täter und Opfer des Nazi-Terrors „sachlicher und weniger aggressiv“ geführt als früher, sagte Inge Deutschkron, Autorin und Zeitzeugin. Sie sollte sich irren. Beim „Treffpunkt Tagesspiegel“ zum Thema „Neubeginn in Berlin – das Kriegsende vor 60 Jahren“ entzündete sich besonders an der Wortwahl des Historikers Arnulf Baring heftiger Widerspruch.

Baring hatte das Holocaust-Mahnmal indirekt kritisiert. Es „gilt eben nur den Juden, nicht allen Opfern“. Der „Vernichtungswille Hitlers“ sei „umfassend“ gewesen, habe sich auch gegen Behinderte, gegen Polen und Russen und letztlich gegen die Deutschen selbst gerichtet. Empörung im Auditorium: „Waren die Juden keine Deutschen?“

Baring kritisierte die „Tabuisierungen“ in der Aufarbeitung des Dritten Reiches – etwa den Bombenkrieg und das Leid der Vertriebenen. In diesen Tabuzonen habe sich die NPD eingenistet. Deren verbale Provokationen wie „Bombenholocaust“ oder „Schuldkult“ sollten in der politischen Debatte thematisiert werden. Die deutsche Geschichte dürfe nicht auf die zwölf Jahre Nazi-Herrschaft verengt werden. „Auschwitz kann nicht Kern unserer Identität sein.“

Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler betonte die unterschiedliche Erinnerungskultur in den beiden deutschen Staaten nach 1945. In der DDR sei der Opfer der „anglo-amerikanischen Bombenangriffe“ gedacht worden. In der Bundesrepublik habe man dagegen den Aufbau der Städte beschleunigt, um das Thema Bombenkrieg besser verdrängen zu können. Vergewaltigungen durch Rotarmisten seien thematisiert worden, durch US-Soldaten dagegen nicht. „Diese Tabus waren auch ein Kitt der Nato. Das bricht jetzt auf.“

Tagesspiegel-Herausgeber Hermann Rudolph wies auf das „größere Relief“ der Debatte um das Kriegsende hin. Nach 60 Jahren sei Deutschland in der Auseinandersetzung mit seiner Geschichte nicht mehr isoliert. „Es hat eine Europäisierung der Wahrnehmung gegeben.“

Moderator George Turner, Wissenschaftssenator a.D., merkte an, dass Erfahrungen über das Kriegsende heute oft von Zeitzeugen weitergegeben werden, die damals noch im Kindesalter waren – die Älteren sterben aus. Turner hatte keine Mühe, die Diskussion ins Publikum zu tragen. Eine Zuhörerin wollte wissen, wie es die Podiumsgäste denn nun halten mit dem 8. Mai 1945 – Tag der Befreiung oder des Untergangs? Baring sprach aus der Perspektive der Betroffenen von „Schreckenswochen der Roten Armee“. Er selbst sei als Kind mehrfach an die Wand gestellt worden, um dann doch nicht erschossen zu werden. Von Befreiung könne wohl nur im Westen Deutschlands die Rede sein. Schon Bundespräsident Heuss habe davon gesprochen, die Deutschen seien „erlöst und zugleich vernichtet“ worden, so Baring. Auch seine Nachfolger hätten diese Ambivalenz betont, „blieben aber ohne Wirkung“. Bis Richard von Weizsäcker 1985 seine berühmte Rede zum 8. Mai hielt. Die Weizsäcker-Rede sei, so Münkler, als „psychisches Drama“ angelegt, „mit einer Lösung: Tag der Befreiung“.

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