Berlin : Herta Dubitzky (Geb. 1921)

Kinder waren für sie etwas Heiliges. „Was soll ich mit alten Leuten?“

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Arm kann man schon sein, aber man muss sich zu benehmen wissen.“ Arm war sie in der Jugend, bitterarm. Herta kam in Schindelbach zur Welt, im Erzgebirge, eine Gegend, so verlassen, dass die Kinder vor Autos erschraken. Ihre Mutter, eine junge, schöne Frau starb mit 36 Jahren an den Folgen einer weiteren Schwangerschaft. Sie hinterließ vier Kinder und einen hilflosen Mann, der die Familie kaum zu ernähren wusste. Die große Tochter Else, gerade 13 Jahre, kümmerte sich um die Jüngeren.

Bald darauf heiratete der Vater erneut, Frieda brachte vier Kinder mit in die Ehe, ein fünftes wurde bald darauf geboren. Die Wohnung war viel zu klein, beim Kaufmann musste angeschrieben werden, und je größer die Kinder wurden, desto heftiger wurde auch der Hunger und der Streit. Else war längst aus dem Haus, Herta versuchte an ihrer statt auszugleichen, so gut es ging. Den Bruder ermahnen, dass er nicht so viel aß, die Schwester früh ins Bett schicken, dass sie erst gar nicht allzu viel mitbekam vom Elend, dem übellaunigen Vater ein Lächeln abringen.

Mit siebzehn lernte Herta ihren Wenzel kennen. Ein hübscher Kerl, aber ein schlechter Tänzer. Herta wurde schwanger, ohne genau zu wissen, was da vor sich ging. Sie brachte ihre Tochter Christa ohne Hebamme zur Welt. Die Nabelschnur wickelte sich um den Hals der Kleinen und das Kind starb nach drei Tagen im Bett der Mutter.

Wenzel musste in den Krieg, Herta konnte es schwer ertragen, dass er so weit weg war, und reiste ihm wiederholt hinterher. 1942 kam Klaus zur Welt. Es gab kaum zu essen. Für ein Stück Brot musste die Mutter nächtelang stricken. Der Junge erkrankte an Rippenfell- und Lungenentzündung, aber sie brachte ihn durch.

Wenzel kam heil aus dem Krieg zurück. Bei der Kindstaufe ihrer Tochter Birgit, putzte er seelenruhig seine Schuhe und verließ frühzeitig die Feier, um zu seiner neuen Liebschaft zu gehen.

Herta kannte fortan nur noch eine Sorge, die um ihre Kinder. Sie arbeitete als Näherin in Heimarbeit, dann im seinerzeit hochmodernen Strumpfkombinat ESDA. Aber die vielen Enttäuschungen hatten sie krank gemacht. Die hilflosen Ärzte zogen ihr etliche Zähne, therapierten ohne Plan, bis sie schließlich in einer Klinik unterkam, in der die Therapeuten ihrer Seele wieder aufhalfen.

Mit ihrer Schwester Anneliese und deren Kindern sowie den eigenen teilte sie sich fortan vier Zimmer. Wenzel schafft es selten, das wenige an Unterhalt regelmäßig zu überweisen. Ohne das kostenlose Schulessen hätten sie es nicht geschafft.

Sie hat nie wieder geheiratet. Nicht einmal einen Freund gesucht. Sie wollte „nicht zweierlei Kinder“. Herta arbeitete auch noch nach dem 60. Lebensjahr weiter – aber es zog sie immer mehr zu ihren Enkeln. Ihre Tochter wohnte in Berlin, also zog sie zu ihr, in die Auguststraße. Schon vor der Wende war hier reges Leben, und Herta blickte aus ihrem Fenster aufmerksam zu.

1996, anlässlich ihres 75. Geburtstages, trat sie ihre erste Flugreise an. Sie wurde nach vorn ins Cockpit geführt und lobte den Piloten für seine gute Arbeit, wohl auch aus dem insgeheimen Wunsch heraus, wieder sicher zu landen.

Ihre Gesundheit machte den Kindern zunehmend Sorgen, mehr noch ihre Eigenheit, erst dann auf sich aufmerksam zu machen, wenn es schon fast zu spät war. Sie wollte nie krank sein, keinem zur Last fallen – und Medikamenten misstraute sie ohnehin.

Geistig blieb sie rege wie eh und je, was unter anderem bedeutete, dass sie gar nicht daran dachte, die Kontrolle im Haushalt aufzugeben. Ihre ersten Worte in der Früh: „Hast du schon Tee gemacht, nimm dir Stullen mit, der Spülautomat ist voll … Wann kommst du heute?“

Dergleichen sagte sie nie in einem anmaßenden Ton. Die Kinder, die Enkelkinder wussten, da war jemand da, der sich sorgte, uneigennützig, aus Liebe.

Ihr Kinder anzuvertrauen hieß, sie in Obhut geben. Herta hat sie nicht beaufsichtigt, sondern mit ihnen gelesen, mit ihnen gespielt oder sie unterrichtet in dem, was sie für wichtig hielt, sei es Wäsche zusammenlegen oder ein anständiger Mensch zu sein. Einfache Dinge: Ich esse nur meinen Teil und nicht zwischendurch. Ich betrinke mich nicht – das war ihr nur einmal in der Jugend passiert. Ich zeige keine Schwäche – das ist etwas für Schwache.

In Letzterem mag sie sich geirrt haben. Aber die Gewohnheiten hielten sie am Leben. Fünfzig Jahre ging sie zum gleichen Frisör. Sie mochte Pommes, aber keinen Fisch. Hörte gern Volksmusik, auch live, auf großer Bühne.

Ein solches Leben will man immer auf überhörte Wünsche hin abfragen. Aber die gab es nicht. Sie war glücklich inmitten ihrer Familie. Zehn Urenkel, ein Ururenkel. Kinder waren für sie etwas Heiliges. „Was soll ich mit alten Leuten?“

Sie war nicht religiös, warum auch, wenn sie eins im Leben erfahren hatte, dann: „Der liebe Gott kann auch nicht helfen.“

Sie hat nicht auf den Tod hin gelebt, weil sie sich nicht wirklich alt gefühlt hat. Als es dann so weit war, ließ sie sich nicht aus der Ruhe bringen. „Wenn man stirbt, darf man einen nicht stören.“

„Pass auf deine Kinder auf!“, waren ihre letzten Worte, und: „Mach das Licht aus!“ Gregor Eisenhauer

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