Berlin : Hertha-Fans auf Heimatsuche

Seit Jahren treffen sich Fußballanhänger und Sozialarbeiter in der „Baracke“ Doch die ist marode. Jetzt fehlen Sponsoren für ein Neubauprojekt

André Görke

Neulich in der „Fanbaracke“, kurz vor Mitternacht in Hohenschöhausen: Aus dem alten DDR-Flachbau hämmert der Bass, drinnen wippen die „Harlekins“ fröhlich zu Diskomusik, draußen flackert ein Lagerfeuer. Die Fans von Hertha BSC hatten zur Weihnachtsparty geladen, mit Würstchen und Julklapp-Geschenken.

„Die Fanbaracke“, sagt Kay Bernstein, 26 Jahre alt und einer der Gründer der Harlekins, „ist seit Jahren so was wie unser Wohnzimmer. Wir hoffen, dass wir auch nächstes Jahr gemeinsam Weihnachten feiern können.“ Denn es droht der Abriss des Treffs. Die Heimat des Fanprojekts ist mehr als marode.

„Eigentlich sollen wir zum 31. Dezember 2006 raus“, sagt Thomas Jelinski. Er ist einer von acht Sozialarbeitern, die das Projekt betreuen. „Aber wir haben vom Bezirk noch ein paar Monate Aufschub bekommen, bis wir das neue Projekt vorangetrieben haben.“

Und das sieht so aus: Das Fanprojekt – seit 1990 die wichtigste soziale Institution für alle Fußballanhänger in Berlin – muss eine neue Heimat finden. Statt im entfernten Hohenschönhausen zu arbeiten, will die Sozialeinrichtung jetzt näher an ihre Klientel ran, in die Stadt. Für 350 000 Euro soll das „Fanhaus der Sportjugend Berlin“ entstehen, am Jahnsportpark in Prenzlauer Berg. Der Entwurf des Architekten ist fertig. Auf dem Arbeitsmarkt benachteiligte Jugendliche sollen den Pavillon in Holzbauweise errichten. Im Januar 2007 wird der Bauantrag gestellt, im April soll mit dem Bau begonnen werden.

Erste Firmen haben Sachspenden angeboten. Doch für den Bau benötigt das Fanprojekt weitaus mehr. „Wir wollen ja keine Kneipe bauen, sondern einen Ort, an dem sich junge Menschen, die sich sonst eher rivalisierend gegenüberstehen, treffen und miteinander kommunizieren können“, sagt Jelinski. Herthas Manager Dieter Hoeneß hat bereits „moralische Unterstützung“ angekündigt und bittet das Fanprojekt zum Gespräch. Wenn man überzeugt sei vom Neubau, werde man versuchen zu helfen. Das Fanprojekt leiste gute Arbeit, sagt Hoeneß. „Dort geht es um Achtung, um Gemeinschaftserlebnisse, um das Abbauen von Aggressionen.“

Das Fanprojekt ist eine Einrichtung der Sportjugend Berlin. Finanziert wird es von der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport. Sie kümmert sich um Fans aller Vereine in Berlin, die „gewaltbereit“ oder „gewaltfasziniert“ sind. Die Sozialarbeiter – die in der Fanszene der Stadt anerkannt sind – versuchen, Gewalt einzudämmen und extremistische Orientierungen abzubauen. Sie sind so etwas wie die letzten Ansprechpartner, begleiten die Jugendlichen auf Auswärtsfahrten, nehmen die Vermittlerrolle ein, wenn es Streit gibt mit der Polizei.

Wie wichtig diese Arbeit ist, zeigt die Statistik: Die Polizei spricht von immer noch knapp 1000 „Problemfans“ in Berlin – so viele wie in keiner anderen Stadt. Die Sozialarbeiter erreichen die Hooligans zwar meist nicht mehr, aber immerhin die jungen Fans, die später nicht abdriften sollen. In der Baracke werden seit Jahren Grillabende etwa mit afrikanischen Fans organisiert. Oder es wird mit den Jugendlichen diskutiert, „ohne mit erhobenem Zeigefinger dazustehen“, sagt Kay Bernstein, der heute bei einem Radiosender arbeitet. Die Sozialarbeiter helfen bei Bewerbungen oder hören einfach mal zu bei Dingen, die die jungen Fans nicht den Eltern erzählen und schon gar nicht der Polizei.

Und die Sozialarbeiter haben den jungen Männern Verantwortung überlassen. Sie durften die Fanbaracke selber gestalten, ihre Möbel reinstellen. Was man selbst aufbaut, macht man nicht kaputt.

Mehr über das Fanprojekt Berlin im Netz unter www.sportjugend-berlin.de; Stichwort „Jugendsozialarbeit“. Die Telefonnummer lautet: 97 17 26 50

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