Berlin : Hier geboren und dennoch immer fremd

Bei Türken ist die Zahl der Einbürgerungen „dramatisch gesunken“, beklagt der Integrationsbeauftragte. Wissenschaftler warnen vor Folgen der Desintegration

Sandra Stalinski

Pinar Cetin ist Deutsche. Zumindest auf dem Papier. Die 25-Jährige ist in Berlin geboren, als Tochter türkischer Eltern. Als sie 15 Jahre alt war, nahm ihre Familie geschlossen die deutsche Staatsbürgerschaft an, um in dem Land, in dem sie lebt, die gleichen Rechte zu haben wie alle anderen. Doch damit ist Pinars Familie eher die Ausnahme als die Regel. Gerade bei in Berlin lebenden Türken - der größten Bevölkerungsgruppe ausländischer Herkunft – ist seit dem Jahr 2000 die Zahl der Einbürgerungen drastisch gesunken. Während 1999 noch 7398 türkische Staatsangehörige den deutschen Pass erwarben, waren es im Jahr 2006 nur 2350.

Werner Schiffauer, Ethnologe an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) wertet den Rückgang der Einbürgerungszahlen als Zeichen einer wachsenden Abwehrhaltung gegen Muslime in Deutschland. Auflagen wie der Muslim-Test in Baden-Württemberg seien Anzeichen für eine Art Generalverdacht. „Es gibt eine Form von institutioneller Diskriminierung dieser Bevölkerungsgruppe, die ihnen die Einbürgerung und Integration erschwert.“

Riem Spielhaus, Vertreterin der muslimischen Akademie auf der Islamkonferenz, hält dies ebenfalls für plausibel. Bei einer vom Berliner Integrationsbeauftragen veranlassten Studie stellte sie fest, dass „Anschläge wie die von Mölln und Solingen in der Wahrnehmung von muslimischen Vertretern erschreckend präsent sind, während sie bei Deutschen völlig untergegangen sind.“ Eine interessante Beobachtung machte sie für Ostberlin: „Bislang gibt es hier nur einen einzigen islamischen Gebetsraum, obwohl gute Räumlichkeiten hier leichter und billiger zu bekommen wären.“ Viele Muslime lebten im Ostteil der Stadt und gingen zum Beten in den Westteil. „Das könnte bedeuten“, so Spielhaus, „dass sich Muslime in Ostberlin unsicherer fühlen als im Westen.“

Um dem „dramatischen Rückgang“ der Einbürgerungszahlen entgegenzuwirken, startete der Berliner Integrationsbeauftragte Günter Piening im vergangenen Jahr die Informationskampagne „Der deutsche Pass hat viele Gesichter“. Die Einbürgerung sei ein wichtiger Gradmesser für Integration und Identifikation mit der Gesellschaft. „Wir müssen Menschen mit Migrationshintergrund das Gefühl geben, dass sie in Berlin willkommen und respektiert sind.“ Wer sich mit oder ohne deutschen Pass immer als Bürger zweiter Klasse fühle, verspüre keinen Anreiz zur vollständigen Integration. Zielgruppe der Kampagne sind vor allem junge Migranten. Bis zum 23. Lebensjahr müssen diese für die Einbürgerung nämlich kein eigenständiges Einkommen nachweisen. Wegen der hohen Arbeitslosenquote bei Migranten sei dieses Kriterium für Einbürgerungswillige über 23 eins der größten Hindernisse, sagt Günter Piening.

Neben der Arbeitslosigkeit ist eins der größten Einbürgerungshindernisse die Verpflichtung, die bisherige Staatsbürgerschaft aufzugeben, sagt Kenan Kolat, Vorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland. Das verlangt das im Jahr 2000 reformierte Staatsangehörigkeitsgesetz. Ziel des Gesetzes war es eigentlich, die Einbürgerung gerade für langjährige Einwanderer zu erleichtern. Faktisch sei aber das Gegenteil eingetreten , findet Kolat. Die Fußballweltmeisterschaft habe ein interessantes Bild gezeigt: aus den Fenstern in Neukölln und Kreuzberg hingen zwei Fahnen, eine deutsche und eine türkische. Dahinter stecke die Botschaft: „Meine türkische Identität möchte ich mit hierher nehmen.“ Dies werde von der Politik jedoch nicht anerkannt. Auch die hohe Hürde bei den Sprachkenntnissen kritisiert Kolat. „Es wird fast das Niveau eines Studenten abgefragt. Das wirkt abschreckend.“ Da die türkische Bevölkerung zu 80 Prozent bildungsfern sei, mache das eine Einbürgerung fast unmöglich.

Werner Schiffauer sieht darin eine Gefahr: „Wir haben eine wachsende Bevölkerungsgruppe türkischer Herkunft, die langfristig in Deutschland lebt, aber nicht ins politische System einbezogen ist.“ Politiker seien deshalb auch nicht gezwungen, auf die Wählerstimmen dieser Gruppe und somit auf deren Interessen Rücksicht zu nehmen. Dies führe zu einer verhängnisvollen Spaltung der Gesellschaft. „Höhere Kriminalität bei Migranten und sinkende Einbürgerungszahlen sind beides Konsequenzen des gleichen Problems: einer Desintegration, die schon bei der Bildung anfängt und sich im Arbeitssektor fortsetzt.“ Politische Integration sei deshalb unerlässlich.

Obwohl in Deutschland geboren, ist sich auch Pinar Cetin nicht sicher, ob sie sich als Deutsche fühlt. „Wenn ich außerhalb von Berlin bin, fühle ich mich als Berlinerin, weil ich dann Heimweh habe. Wenn ich hier bin, fühle ich mich eher als Türkin, weil ich die Vorbehalte der Deutschen spüren kann.“ Pinar Cetins Mann hat noch die türkische Staatsbürgerschaft. „Vielleicht ist es nicht schlecht, wenn einer in der Familie noch einen Fuß in der Türkei hat.“

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