Berlin : Hier regiert Martin Matz

Wie der frühere FDP-Chef seinen ersten Tag im Parlament als Repräsentant von Rot-Rot erlebte

Ulrich Zawatka-Gerlach

Jetzt sieht er die FDP-Fraktion in ganz anderem Licht. Martin Matz, der Dissident, wurde erst einmal in die letzte Reihe der sozialdemokratischen Abgeordnetenhausfraktion gesetzt und hat von dort aus eine schöne Aussicht auf den gesamten Plenarsaal. Dem FDP-Fraktionschef Martin Lindner kann der nagelneue Genosse nun direkt in die Augen schauen.

Wenn Matz das wollte. Aber er will es nicht. Gestern, in seiner ersten Parlamentssitzung als SPD-Abgeordneter, hat er vorerst nur Augen für die neuen Kollegen. Sie begrüßen ihn fröhlich. Zwei charmante Sozialdemokratinnen, Ülker Radziwill und Dilek Kolat, scharwenzeln um Matz herum. Der Kreuzberger Stefan Zackenfals stößt hinzu. Man hält ein lustiges Schwätzchen und das frisch eroberte Fraktionsmitglied macht ganz den Eindruck, als fände er die neue Situation komfortabel und gemütlich.

Immerhin sitzt Matz jetzt in den Reihen der Regierungsmehrheit, wenn auch noch ganz hinten. Auf den knochenharten Bänken der FDP-Opposition wird kopfschüttelnd getuschelt: „Guckt mal, jetzt hält er gerade Hof.“ Die liberalen Parlamentskollegen nehmen es dem Ex-Fraktionsmitglied furchtbar übel, dass er kurz vor seinem Absprung in Richtung SPD noch an sämtlichen internen FDP-Gremiensitzungen teilnahm.

Selbst an der Klausurtagung vor knapp zwei Wochen, als die politische Strategie der Freien Demokraten bis zur Berliner Wahl 2006 besprochen wurde. Niemand sagt es, aber dahinter steckt der stille Vorwurf des Geheimnisverrats. Matz werde schon noch sehen, was er davon habe, sagte am Dienstag auf dem Berliner Hoffest vor dem Roten Rathaus eine FDP-Abgeordnete: „Der war über 20 Jahre ein Liberaler, aus dem wird doch kein richtiger Sozi mehr.“ Na, wer weiß.

Jedenfalls schreckte Matz gestern nicht einmal davor zurück, während der Fragestunde des Parlaments durch die Reihen der knallroten PDS-Genossen zu flanieren und mit dem Finanzexperten Carl Wechselberg ein freundliches Fachgespräch zu führen. So von Koalitionär zu Koalitionär. Seine gut gepflegte Internet-Seite hat Matz schon auf den neuesten Stand gebracht. Die liberale Biographie versteckt er nicht, aber die Verknüpfungen zur Bundes- und Landes-FDP wurden radikal gekappt. Sein überaus kritisches Papier zum öffentlichen Gesundheitskonzern Vivantes – noch aus alten FDP-Zeiten – bietet Matz weiterhin zur Lektüre an. Mal sehen, ob ihm die Genossen die Flausen austreiben. Gesundheitspolitischer Sprecher soll er vorerst nicht werden.

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