Berlin : Hilfskraft trotz Diploms

Fünf junge Spanierinnen arbeiten seit kurzem in einem Kleinmachnower Pflegeheim. Einfach ist das nicht.

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Helferinnen in der Not. Die jungen Frauen haben den Schritt von Spanien nach Deutschland gewagt. Nicht nur die Sonne vermissen sie hier. Foto: Tobias Reichelt
Helferinnen in der Not. Die jungen Frauen haben den Schritt von Spanien nach Deutschland gewagt. Nicht nur die Sonne vermissen sie...

Kleinmachnow - Heimweh kennt Maria nicht. Auch nicht nach sieben Wochen Arbeit in Deutschland. Aber der jungen Spanierin fehlt die Familie. Ihr fehlt die Sonne von Malaga und auch der Strand. Die Palmen, die Freunde und ihr Hund Roque. „Aber was bedeutet Heimweh?“, fragt Maria in gebrochenem Deutsch und sieht ihre Lehrerin mit großen Augen an. „Morriña“, übersetzt die und Maria und ihre vier jungen Kolleginnen nicken. Oh doch, Morriña kennen sie.

Maria, Alba, Desiree, Delia und Raquel heißen die fünf spanischen Pflegefachkräfte, die seit Anfang März im Kleinmachnower Senioren- und Pflegeheim Senvital arbeiten. Die 22- bis 26-Jährigen sind Teil einer größer werdenden Gruppe von ausländischen Pflegefachkräften in Deutschland. Denn der Nachwuchs aus dem eigenen Land fehle, sagt Birgit Lieske, Senvital-Pflegedienstleisterin. „Wir suchen ständig Fachkräfte.“

Bundesweit fehlen der Branche etwa 50 000 Altenpfleger. Immer weniger junge Deutsche lassen sich für den Beruf begeistern: Die Bezahlung ist schlecht, die Belastungen hoch. Gearbeitet werden muss im Schichtdienst, nachts, am Wochenende und an Feiertagen. So kam es, dass Senvital in Kleinmachnow und Hamburg das Pilotprojekt mit insgesamt zehn spanischen Kräften startete.

„In Spanien gibt es nicht viel Arbeit“, sagt Krankenschwester Raquel. Die Arbeitslosenquote bei Jugendlichen beträgt 55 Prozent – da schien der Weg nach Kleinmachnow ein gangbarer. Im Pflegeheim bekommen die spanischen Frauen dreimal in der Woche je vier Stunden Deutschunterricht. Ein Zimmer im Heim wird ihnen gestellt. Wenn es weiter so läuft, kann sich zum Beispiel Delia sehr gut vorstellen, länger zu bleiben.

Doch sicher ist das nicht, sagt Bettina Raabe. Immer wieder brechen Ausländer den beruflichen Neuanfang ab. Zwar lasse sich Heimweh über Internettelefonie und mit Billigfliegern zumindest ein bisschen heilen. Wichtig sei aber auch, dass die Zuwanderer neue Freunde finden, um im Sportverein oder bei anderen Hobbys Anschluss zu bekommen. Auch das Wetter sei ein Thema.

So konnte die Vermittlung der Arbeitsagentur nach eigenen Angaben im vergangenen Jahr nur 56 Pfleger nach Deutschland locken. Sie kamen unter anderem aus den südeuropäischen Ländern, aber auch aus Kroatien, Serbien, Bosnien-Herzegowina oder den Philippinen. Neben der Arbeitsagentur holen aber auch andere Einrichtungen ausländische Pflegekräfte in die Bundesrepublik. Auf Jobbörsen werben sie um den Nachwuchs. Der Wettbewerb um die Fachkräfte ist international groß Auch in England, Skandinavien oder Neuseeland fehlen Ärzte und Schwestern. „Da kommt der Standortnachteil Deutschlands ins Spiel: die Sprache.“ Fachlich gebe es nur selten Defizite bei den ausländischen Pflegern. Aber erst wenn sie tatsächlich ausreichende Deutschkenntnisse nachweisen können, werden sie hier als Fachkraft anerkannt und dementsprechend bezahlt. Das gilt auch für die Spanierinnen in Kleinmachnow. Obwohl sie ihren Beruf studiert haben, werden sie bislang noch als Pflegehelfer entlohnt. Erst in drei Monaten können sie ihre Deutschprüfung ablegen.

Anja Kistler vom Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe hält es deshalb für ethisch bedenklich, sehr gut ausgebildete Fachkräfte in Deutschland – auch wenn es nur zeitweise ist – schlecht zu bezahlen. „Wir nutzen ihre wirtschaftliche Not aus.“ Würde es in Spanien keine so hohe Arbeitslosigkeit geben, wären die fünf Frauen wohl nie nach Kleinmachnow gekommen. „Sie müssen hier ganz andere Pflegekultur lernen.“ Keine ausgebildete Fachkraft müsse in Spanien beispielsweise einen Patienten waschen. In Deutschland ist das hingegen im Pflegeheim üblich. Und üblich seien auch die schlechten Arbeitsbedingungen. Würde man diese verbessern, könnte man auch wieder mehr Deutsche für den Job interessieren.

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