Hindernisse auf Berlins Radwegen : Verpollerung der Stadt

Ein Radler stürzt in Köpenick und verletzt sich so schwer, dass er mit einem Rettungswagen ins Krankenhaus gebracht werden muss. Er hatte Betonpoller mitten auf dem Radweg übersehen - die dort eigentlich regelwidrig sind.

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Die Unfallstelle: Betonpoller sollen Lastwagen vom Seitenbereich der Allendebrücke fernhalten.
Die Unfallstelle: Betonpoller sollen Lastwagen vom Seitenbereich der Allendebrücke fernhalten.Foto: Brigitte Jacobs

Dieser Unfall hätte nicht passieren dürfen. Aber irgendwie musste er doch passieren: An der Salvador-Allende-Brücke in Köpenick ist am Sonntagabend ein Radfahrer auf einen Betonpoller geprallt und so schwer gestürzt, dass ihn ein Rettungswagen ins Krankenhaus bringen musste. Dort liegt der 28-Jährige nun mit gebrochenem Bein. Die gut 30 Zentimeter hohen Betonpoller sitzen mitten auf einem schnurgeraden, benutzungspflichtigen Radweg – seit mehr als fünf Jahren schon. Sie haben keine Reflektoren, es gibt kein Warnschild, und eine einst drumherum gepinselte weiße Linie auf dem Asphalt hat der Zahn der Zeit längst abgenagt.

Viele Fahrradunfälle tauchen in keiner Polizeistatistik auf

Das Missgeschick des Radlers dürfte ein typisches Beispiel für eine Art von Unfällen sein, die in keiner Polizeistatistik auftaucht. Außerdem wirft der Fall die für ganz Berlin relevante Frage auf, mit wie viel Sachverstand bei der fortschreitenden Verpollerung der Stadt vorgegangen wird.

Von der für Brücken zuständigen Stadtentwicklungsverwaltung war keine Auskunft zu bekommen. Nach Tagesspiegel-Informationen sollen die Betonbrocken einen besonders maroden Bereich der Allendebrücke von schweren Fahrzeugen freihalten. Insofern sind die Poller an der Unfallstelle in Form und Funktion eher untypisch fürs Berliner Straßenbild.

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Poller auf der Allendebrücke sind regelwidrig

Nach Auskunft von Jürgen Pabst, der im Bezirksamt Treptow-Köpenick den Fachbereich Tiefbau leitet, „ist das Aufstellen eines Pollers der reinen Lehre nach anordnungsbedürftig, was aber in der Realität keiner macht“. Im Klartext: Wegen der dünnen Personaldecke spart sich das Bezirksamt die Beteiligung der Unteren Straßenverkehrsbehörde, die Sinn und Unsinn jedes Pollers zu prüfen hätte. Stattdessen entscheidet kurzerhand ein Mitarbeiter des Tiefbauamtes. In der Regel gehe es um Gefahrenabwehr – also darum, Autos und Lastwagen von Geh- und Radwegen fernzuhalten. In den Ausführungsvorschriften zum Berliner Straßengesetz seien Kriterien wie Mindestabstände geregelt: 50 Zentimeter vom Fahrbahnrand und 25 Zentimeter vom Radweg. Reflektoren seien nicht zwingend vorgeschrieben, aber an schlecht beleuchteten Stellen würden weiße Poller oder – „nach Hinweisen von Bürgern“ – reflektierende Aufkleber verwendet. Das heißt zum einen, dass die Bürger sich lieber nicht auf den Verstand der Behörden verlassen sollten. Und zum anderen, dass die Betonbuckel auf der Allendebrücke regelwidrig sind. Wie viele Poller stadtweit auf Rad- und Gehwegen stehen, ist nirgends erfasst. Pabst schätzt, dass allein in Treptow-Köpenick rund 100 pro Jahr dazukommen.

„Poller haben grundsätzlich nichts auf Radwegen zu suchen“, heißt es beim Radfahrerclub ADFC. Eine Statistik zu Poller-Unfällen hat auch der Verband nicht. „Bei uns melden sich nur immer mal wieder Leute, die dagegen gefahren sind“, sagt Landesgeschäftsführer Philipp Poll.

Poller sollen Radwege von Autos freihalten

Eine Studie lässt das Ausmaß des Problems ahnen: In Münster hat die Unfallforschung der Versicherer (UDV) gemeinsam mit Polizei und Kliniken ein Jahr lang die Zahl der verletzten Radfahrer mit der Zahl der aktenkundigen Radlerunfälle abgeglichen. Ergebnis: Mehr als zwei Drittel aller Unfälle mit Radler- Beteiligung (nämlich 1527 von 2250) wurden gar nicht polizeilich erfasst. Selbst drei Viertel der Schwerverletzten tauchten nur im Krankenhaus, aber nicht in den Polizeiakten auf. Bei Alleinunfällen, bei denen Radler kein fremdes Eigentum ramponierten, war die Polizei fast nie involviert. Immerhin zehn Poller-Unfälle konnten während der Studie identifiziert werden. Im Zuge einer „Radwegerevision“ befreit die Stadt nach Auskunft von UDV-Chef Siegfried Brockmann ihre Radwege von solchen Gefahrenquellen.

Dass manche Radler auf die Polizei verzichteten, weil sie getrunken hatten, vermuten auch die Unfallforscher. Der Pechvogel aus Köpenick war aber nüchtern.

Jens-Holger Kirchner (Grüne), Stadtrat für Stadtentwicklung in Pankow, hält eine pollerfreie Welt für erstrebenswert, aber angesichts der Parkmoral für unrealistisch. Er bestätigt, dass es nur wenige Regeln gebe, so zur Befestigung im Boden und zur Mindesthöhe, damit Autofahrer sie beim Rangieren sehen können. „Der Rest ist Spielerei und Evolution.“

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