Berlin : Hobby dick

Nur so zum Spaß wollen Wigald Boning und Robert Di Gioia 100 Alben produzieren. Mit den ersten Songs gehen sie jetzt auf Tour.

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Ziehen vom Leder.
Ziehen vom Leder.

Die Frage lautete schlicht: „Hätten Sie Lust, mit Wigald Boning in einer musikalischen Pornoproduktion mitzuwirken?“ Die ukrainische Parfümverkäuferin Maria Braun antwortete ebenso schnörkellos: „Du kannst mich nicht schocken.“ Boning lacht. „Zwei Tage später stand sie bei uns im Studio!“

Hier sollte man wohl aufklären: Was Boning so vergnügt erzählt, ist die Anekdote, wie sein Kompagnon Roberto Di Gioia durch Zufall die perfekte Stimme entdeckte. In einem Münchener Parfümgeschäft. Für ein Konzeptalbum der beiden Musiker, das sich vor den synthesizerlastigen Softerotiksoundtracks der 70er Jahre verneigt. Eine Jane-Birkin-mäßige Stöhnchanteuse hatten Boning und Di Gioia gesucht – lange vergebens. Dann schickte der Himmel ihnen Maria Braun.

Die Pointe der Geschichte sind aber erst die Texte, die das Naturtalent auf Russisch über die herrlich seifigen Tracks schmachtet. „Ein Kochrezept für Borschtsch. Verhaltensregeln für Tankstellenbenutzer im Kreis Simferopol. Den Beipackzettel der russischen Viagra“, zählt Boning auf.

Der Entertainer, Autor und Moderator, der in der ZDF-Sendung „Nicht nachmachen!“ Silvesterraketen an Wäschespinnen bindet, und Roberto Di Gioia, der Musiker und Produzent von Größen wie Max Herre oder Till Brönner ist, haben ein Plattenlabel gegründet. „Hobby Musik“ heißt es. In den kommenden 15 Jahren sollen nicht weniger als 100 Alben veröffentlicht werden. Die ersten acht sind jetzt erschienen, in limitierter Auflage zu erwerben, oder auf Youtube nachzuhören. Klingt nach einem größenwahnsinnigen Unterfangen. „Eine gewisse Exzentrizität ist der Sache nicht abzusprechen“, sagt Boning. „Gott sei Dank!“

Trotz aller Ironie sollte man nicht die hohe musikalische Qualität überhören, die tatsächlich in diesem Projekt steckt. Boning beherrscht die musikalischen Genres rauf und runter, von Punk bis Barock, von Jazz bis New Wave. „Ich hätte gern Musikwissenschaft studiert“, bekennt er in der Bar jeder Vernunft, wo er mit Di Gioia die Berlinstation von „Hobby: Die Welttournee“ vorbereitet. Bloß spielte er mit 15 Jahren bereits professionell in einer Band, in der Punkformation „KIXX“. Da blieb für die Uni keine Zeit. Kein wirklicher Verlust. Boning hat es auch als Autodidakt weit gebracht. Das beweist eine Platte wie „Neon“, auf der die „Hobby“-Musiker den Neue-Deutsche-Welle-Sound der 80er perfekt bis ins letzte Detail treffen. Inklusive epochengetreuer Paranoiatexte: „Treffpunkt Fußgängerzone / Konsumentenstrafbataillone / Auf den Dächern Richtmikrofone“. Dabei hat Boning seinerzeit nicht mal Pop gehört, sondern New Yorker Avantgarde. John Zorn, Knitting Factory, diese Richtung. Die Beschäftigung mit den 80ern kam erst später, „als ich in der Sendung ‚Hitgiganten’ neben Hugo Egon Balder auf dem Sofa saß“, erzählt er. Um mitreden zu können, habe er generalstabsmäßig die Musik von damals durchgepaukt. „Bis ich auch wusste, wer ‚Voyage, Voyage’ gesungen hat.“ Ein interessantes Zeitalter, findet Boning in der Rückschau, auch sehr kreativ „mit seinen musikalischen Entsprechungen zu Spoilern und Troddelslippern“.

Klar, unter den acht Alben seines Labels finden sich auch Perlen des Trash. Wie die Platte „Bild-Punk“. Darauf vertonen Boning und De Gioia die Überschriften einer Ausgabe des Boulevardblatts. Kaum ein Song ist länger als zehn Sekunden. Die 49 Songs tragen Titel wie: „Staatsbankrott“ oder „Puffakte“.

Ein Höhepunkt der überschießenden Absurdität ist auch das Album „21 Lieder, die Tony Marshall nicht singen wollte“. Zu famosem Afrobeat hört man die Schlagerlegende darauf Sinnfragmente wie „Schöne Maid“ nuscheln. Eine Begegnung der dritten Art?

„Roberto ist mit Tonys Sohn befreundet“, erzählt Boning. Der habe den Kontakt vermittelt. Schließlich sei man frohgemut nach Baden-Baden gereist. Um leicht irritiert festzustellen, dass man mit dem Hitparadenkönig nicht ganz auf der gleichen Wellenlänge lag. „Wollen wir so sagen“, bilanziert Boning, „Der Originaltext, der bei den Aufnahmen entstand, ist auf der Platte zu hören.“ Und das war’s? „Er hat uns noch zum Essen eingeladen. Es gibt einen Griechen in Baden-Baden, dessen Hinterzimmer nur mit Tony-Marshall-Devotionalien dekoriert ist. Den haben wir also auch noch kennengelernt.“ Ach ja, nicht zu vergessen: hundert Autogrammkarten schickte Marshall noch für die CD-Boxen hinterher.

Man kann sich leicht vorstellen, dass die „Hobby“-Musik auch live einen Heidenspaß macht. Das ganze, betont Boning noch, sei kein profitorientiertes Unterfangen, schon wegen der limitierten Auflage. Daher auch der absichtsvoll gewählte Labelname „Hobby“. Damit nicht am Ende die Journalisten vom kommerziellen Flop schreiben.

„Wenn wir es uns leisten könnten, würden wir uns ‚Hobby’ jeden Tag acht Stunden widmen“, sagt Boning. Weil das Projekt alle Freiheiten lasse. Weil sie sich über die Frage, ob das jetzt ernst oder komisch gemeint sei, keine Gedanken machen müssten. „Wir gehen einfach ins Studio und sagen, heute nehmen wir mal eine Sinfonie für Staubsauger auf“.

Hobby: Die Welttournee, 4. bis 9. Februar, Bar jeder Vernunft, Karten: 883 15 82

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