Berlin : Hoch hinaus für das „neue Berlin“

Daimler-Chrysler baute, Senatsbaudirektor Hans Stimmann entschied mit. Lesertour im Quartier am Potsdamer Platz

Christian van Lessen

Das Viertel beeindruckt noch immer, erst recht aus einer Sicht, die bislang streng geheim war. Von der Terrasse im 14. Stockwerk des Debis-Hochhauses am Reichpietschufer machten sich jetzt Tagesspiegel-Leser ein ganz neues Bild vom Quartier Potsdamer Platz. Mit 19 Gebäuden, zwei Plätzen und zehn Straßen ist das von Daimler-Chrysler errichtete Viertel zu einem Begriff des „neuen Berlin“ geworden. Auch zu einem der Orte in der Stadt, die mit dem Wirken von Senatsbaudirektor Hans Stimmann, dessen Amtszeit in Kürze endet, verbunden sind.

Der Tagesspiegel hat in den letzten Wochen diese Orte wie den Pariser Platz oder die Friedrichstraße ausgewählt, um sie im Rahmen von Podiumsdiskussionen und Führungen vorzustellen: Als Abschluss nun mit einer Führung am Potsdamer Platz. „Ost und West sind hier zusammengekommen, wie auf neutralem Gelände“, sagt Leserin Ingelore Petrasch. Von oben sucht sie das Haus Huth, das als einziges altes Gebäude übrig geblieben ist. Es ist zwischen den neuen Nachbarn kaum noch zu erkennen. Eigentlich wollte Daimler-Chryslers Tochtergesellschaft Debis hier sogar das höchste Bürogebäude Europas bauen, erzählt Unternehmenssprecherin Ute Wüest von Vellberg. Die Berliner Stadtplanung wollte es aber etwas flacher und entschied sich für die Planung des italienischen Architekten Renzo Piano. Immerhin wurden für das Quartier drei hohe Bürotürme genehmigt, zwei von Renzo Piano (so das Debis-Haus), einer von Hans Kollhoff entworfen. Der höchste unter ihnen ist mit 105 Metern der rote Büroriese direkt am Potsdamer Platz.

Vor dem Bau des Quartiers 1994 musste viel Bürokratie überwunden werden. Ute Wüest von Vellberg erzählt, dass zunächst „Welten aufeinander gestoßen“ seien. Die Investoren hätten es zunächst mit unflexiblen Ämtern zu tun gehabt. Das Milliardenprojekt eines neuen Stadtteils soll schon auf der Kippe gestanden haben. Dann aber habe der Senat eine „fitte Truppe“ zusammengestellt und mit Senatsbaudirektor Stimmann sei „gut und konstruktiv“ zusammengearbeitet worden, sagt die Sprecherin.

Die Teilnehmer der Lesertour erfahren, dass der Autokonzern kurz vor dem Mauerfall eigentlich nur eine Bürozentrale bauen wollte und dafür vom Senat drei Grundstücksangebote erhielt: Das Klingelhöfer-Dreieck an der Klingelhöferstraße, das Lenné-Dreieck an der Lennéstraße und das Gelände am Potsdamer Platz. Die Verträge waren noch nicht unterschrieben, da fiel die Mauer und das Unternehmen wusste, dass am favorisierten Potsdamer Platz eine Bürozentrale zu wenig ist. So entstand bis 1998 ein ganzer Stadtteil, der sich bewährt hat.

Das Imax-Kino aber rechnete sich nicht, wird nun zum Theater umgebaut. Sonst aber „stimmen die Umsätze“. Die Arkaden gehören nach Auskunft der Unternehmenssprecherin zu den erfolgreichsten deutschen Shopping Malls. Leserin Ria Krauß will aber auch wissen, ob alle Wohnungen vermietet sind: Kein Problem, heißt es. Aber leider habe man, wie sich herausstellte, zu kleine Wohnungen gebaut. Viele wurden zusammengelegt.

Grüne Dächer, unterirdische Zisternen, die Regenwasser sammeln und dann für die Toilettenspülung nutzen, wassergekühlte Decken statt Klimaanlagen – die Leser erfahren, wie bauökologisch fortschrittlich am Platz gebaut wurde. Musterbeispiel ist dafür das Debis-Hochhaus an der Eichhornstraße nähe Reichpietschufer. Und der „Piano-See“ davor ist fischreich, wie die Erbauer es nie erwartet hatten. Dabei wurden anfangs gar keine Fische ausgesetzt. Nun haben sich sogar Flusskrebse angesiedelt. Auch Reiher. Beim Rundgang sonnte sich auf einem Stein im Wasser eine Schildkröte. Drei davon leben hier in freier Wildbahn – mitten in der Stadt.

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