Berlin : „Hört, hört!“ – ein Zwischenruf hat ausgedient

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Sie notieren jeden Zwischenruf mit Namen, Beifall mit Ortsangabe, unterscheiden zwischen „Gelächter“ (höhnisch), und „Heiterkeit“ (wohlwollend): die Stenografen im Abgeordnetenhaus – wobei das ein überholter Name ist, denn die Mitarbeiter des Referats Plenar- und Ausschussprotokolle stenografieren schon lange nicht mehr.

Seit den 70er Jahren zeichnen Tonband- und später Digitalgeräte alle Reden auf. Die vormaligen Stenografen sitzen mit dem Rücken zum Parlamentspräsidenten, vis-à-vis zum Plenum und arbeiten im Zwei-Stunden-Takt: Erst zehn Minuten Reden hören und Vorfälle mitschreiben (handschriftlich), danach die Bänder abschreiben und dabei die Sprache begradigen: Sätze ergänzen, die kein Ende fanden, sinnlose Metaphern ersetzen, Hohlphrasen ausmisten, Zahlen überprüfen. So dauert es nach Ende der Debatte nur zwei Stunden, bis den Rednern ihr Gesprochenes zum Nachlesen vorliegt.

Heute werden zwölf Mitarbeiter im Einsatz sein. Referatsleiter Thomas Böhm-Christl sagt, dass die Mitarbeiter sich auf die Neuen im neuen Parlament freuen, auf neue Stimmen und vielleicht mal neue Witze. Über Redner, die noch im Amt sind, sagt er lieber nichts. Über ehemalige schon eher: Ex-Bürgermeister Eberhard Diepgen war gefürchtet, wegen seiner vielen Phrasen. Beliebt waren der Grüne Wolfgang Wieland wegen seines gemäßigten Sprechtempos und seines Humors und der ehemalige CDU-Fraktionschef Klaus Landowsky wegen seiner donnernden Rhetorik. Ein Zwischenruf, den die Stenografen nur noch selten hören, ist übrigens: „Hört, hört!“. Der sei aus der Mode. ari

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