Berlin : Hohenschönhausen: Muskelkater nach dem Sprachunterricht

Steffi Bey

Schon nach den ersten Minuten sind alle Illusionen dahin. "Es ist die pure Härte, was auf Sie zukommt", sagt Ursula Golz. "Machen Sie sich frei für eine andere Welt, vergessen Sie Ihre Mentalität." Und wer glaube, schon nach vier Wochen einen Smalltalk auf Vietnamesisch führen zu können, werde bitter enttäuscht sein. Acht Teilnehmer haben sich für den neuen Kursus an der Volkshochschule Hohenschönhausen eingeschrieben. Dazu gehören Schüler, Auszubildende, eine Sekretärin und eine kaufmännische Angestellte.

Sie wohnen mit Vietnamesen in einem Haus, wie Detlev Hampf, und möchten sich in der Muttersprache mit ihren Freunden unterhalten. "Außerdem ist es mein Traum, das wunderschöne Land zu besuchen und dort außerhalb irgendwelcher Hotelrouten die Menschen kennenzulernen", sagt der 54-Jährige. Andere leben mit einem vietnamesischen Partner zusammen und wollen deshalb die Sprache beherrschen. "Es ist mir ein inneres Bedürfnis", sagt die 32-jährige Syrka Sombrutzki-Le. Seit drei Jahren unterrichtet Ursula Golz, die Vietnamesisch studierte, an der einzigen Volkshochschule Berlins, die diese Sprache lehrt. Die Kurse gibt es seit Mitte der 90er Jahre.

"Wir hatten schon Polizisten, U- Bahnfahrer, Berufschullehrer und Mitarbeiter von Reisebüros", sagt Martina Zimmermann, Fachbereichsleiterin Sprachen. Anwohner hatten die Idee, das Angebot einzurichten, da in dem Bezirk viele Vietnamesen wohnen. Erstaunlich hoch sei die "Aufgeber-Rate". Ursula Golz schätzt, dass jeweils die Hälfte der Kursteilnehmer nach kurzer Zeit aufgibt. Davon wollen sich die "Neuen" nicht beeinflussen lassen. "Wir ziehen das hier durch", sagt die 23-jährige Petra Thormann und macht damit auch Schwester Anika Mut.

Die beiden wollen bald mit ihrer vietnamesischen Mutter das Land am Mekong bereisen. Eigentlich könnte ihnen doch ihre Mutter die Sprache beibringen? "Sie hat keine Zeit, arbeitet als Dolmetscherin und ist viel unterwegs", sagt Petra. Sie gibt sich viel Mühe, die ungewohnten Laute richtig auszusprechen. Sie schiebt dabei ihr Kinn ein wenig vor und verzieht den Mund. Es klingt wie eine Melodie mit einem eintönigen Text. noch werden keine Wörter zusammengefügt, sondern lediglich Buchstaben. Detlev Hampf ist kaum zu hören. Zart haucht er die Töne. "Trauen Sie sich, es darf Ihnen nicht peinlich sein", unterbricht ihn Ursula Golz. Schon bei der folgenden Übung kommen die Laute klar über seine Lippen. Dass die Lehrerin für die nächsten Wochen Muskelkater im Gesicht und am Hals voraussagt, beeindruckt wenig. "Das macht nichts", sagt ein junger Mann. Er hofft, dass er bald die verschiedenen Tonhöhen drauf hat. Die sind das A und O der vietnamesischen Sprache. Sechs gibt es davon, sagt die Dozentin. Ursula Golz gibt noch einen Tipp. "Arbeiten Sie mit Lupe, damit Sie die vielen kleinen Striche und Haken über den Buchstaben deutlich erkennen." Die Dozentin verspricht, dass sich jeder Teilnehmer bei Kursende auf Vietnamesisch vorstellen, und über die Familie, die Wohnung sowie den Beruf berichten kann.

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