Holocaust-Mahnmal : Erste Besucher erkunden Stelenfeld

Um 6 Uhr heute früh ist das Holocaust-Mahnmal in Berlin für die Öffentlichkeit geöffnet worden. Mehrere hundert Besucher nutzten schon am Vormittag die Gelegenheit zu einem Gang durch das Stelenfeld mit seinen 2711 Betonquadern. (12.05.2005, 17:43 Uhr)

Berlin - Mehrere tausend Berliner und Touristen erkundeten zum ersten Mal das Feld mit 2711 Betonstelen - und so gegensätzlich die Meinungen über den außergewöhnlichen Bau zuvor waren, so unterschiedlich sprach auch Volkes Stimme. «So ein Mahnmal kann man nicht vergessen», sagte eine Krefelder Jüdin. Ein Besucher aus Lübeck meinte hingegen: «Ohne Erläuterung kann kein Mensch etwas damit anfangen.» Wie er sahen sich viele den unterirdischen Ort der Information an, der das abstrakte Mahnmal ergänzt. Unterdessen zog Mahnmals-Initiatorin Lea Rosh nach heftiger Kritik ihren Plan zurück, den Backenzahn eines NS-Opfers in einer Stele unterzubringen.

Mit den Worten «Es soll nun zu Deutschland und zu der Welt sprechen» hatte Architekt Peter Eisenman am Dienstag das Mahnmal in Berlin offiziell übergeben. Für viele der ersten Besucher war es ein erschütternder Ort der Erinnerung. Sie legten Blumen auf die Betonquader und schritten schweigend in die Tiefen zwischen den teilweise über vier Meter hohen Blöcken hinab. «Man spürt eine Ausweglosigkeit und Enge, ein wenig, wie es vielleicht auch in einem KZ war», sagte Gerlind Flörke aus Lübeck. «Es ist gut, weil es anders ist», sagte Alistair Lindey, ein Besucher aus Nordengland.

Anderen erschien das 19 000 Quadratmeter große Denkmal nahe dem Brandenburger Tor als unverständliche, anonyme Betonwüste. «Diese Grabsteine sagen nichts über das Leid der Juden aus», sagte Janos Bohnke, ein Banker aus Frankfurt. Vielleicht deshalb diente das Stelenfeld wieder anderen - besonders Jüngeren - einfach als spannendes Labyrinth. Bei kühlen Temperaturen tobten sie lachend und kreischend durch die weniger als einen Meter breiten Gänge. Nachdem am frühen Morgen um 6.00 Uhr die Bauzäune weggeräumt worden waren, durchquerten auch Jogger das Mahnmal.

«Dieser Tag ist ein großer Erfolg», sagte Uwe Neumärker, der Sprecher der Denkmalsstiftung. Bis zum Nachmittag hatten schon rund 1800 Besucher im Ort der Information jüdische Einzelschicksale nachvollzogen. Die Geschichten verschollener, ermordeter und im KZ gestorbener Juden machten viele betroffen. Sie verließen schweigend die Räume unter dem Mahnmal, in deren Decken sich die Stelen abzeichnen. Zuvor hatten sie bis zu einer Stunde Schlange stehen müssen, denn gleich zwei Mal wurden am Eingang Rucksäcke und Jacken durchleuchtet. Auf dem von nun an rund um die Uhr frei zugänglichen oberirdischen Stelenfeld waren deutlich mehr Besucher unterwegs. «Wer Ruhe in diesem Denkmal sucht, sollte früh oder am Abend hierher kommen», rät Neumärker. Der Ort der Information ist von 10.00 Uhr bis 20.00 Uhr geöffnet.

Während die Besucher von dem Mahnmal Besitz nahmen, zog Lea Rosh ihre umstrittene Zahn-Initiative vorerst zurück. «Nichts lag und liegt uns ferner, als religiöse Gefühle zu verletzen», teilte Rosh gemeinsam mit dem Historiker Eberhard Jäckel mit. «Da wir keine Religionswissenschaftler sind, werden wir unseren Plan zunächst zurückstellen.» Sie wollen jetzt weiteren Rat von Theologen einholen.

Der Vorsitzende der Denkmalsstiftung, Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, gab zu dem ursprünglichen Plan von Rosh keinen Kommentar ab. Neumärker gab sich zurückhaltend, betonte aber: «Herr Eisenman hat am Dienstag auch nicht umsonst gesagt, dass keine Namen auf die Stelen dürfen; das Mahnmal soll kein Friedhof werden.» Rosh brauche dafür die Zustimmung des Kuratoriums, dem auch der Zentralrat der Juden angehört. Dieser hatte den Plan scharf kritisiert. Auch der Grünen-Abgeordnete Volker Beck sprach sich am Donnerstag dagegen aus, den Backenzahn eines NS-Opfers in das Holocaust-Mahnmal aufzunehmen. Diese Aktion widerspreche den jüdischen Vorstellungen von der Totenruhe, teilte der Parlamentarische Geschäftsführer der Grünen in Berlin mit. (tso) (tso)

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