Berlin : Horst Weber-Rhody (Geb. 1921)

Dem Arzt zeigte er Blutstropfen im Schnee: „Die sind von mir“

Karl Grünberg

Braun gebrannt und nur mit einer Sporthose bekleidet, offensichtlich voller Elan, so sitzt Horst Weber-Rhody auf der Kante seines Rollstuhls. Auf dem Kopf spiegelt sich die Sonne, er lacht breit. Wer ihn auf diesem Foto betrachtet, würde kaum auf die Idee kommen, dass da ein 90-Jähriger mit den Folgen eines Schlaganfalls kämpft. Gejammert wurde nicht. Anpacken, das war seine Art, auch um mit den Trümmern in seinem Leben fertig zu werden.

Er war einer von jenen, für die Zerstörung und Umbruch Teil des Lebens war. Die Wehrmacht holte ihn und seine drei Brüder, steckte sie in die grauen Uniformen und schickte sie in den Krieg. Horst Weber-Rhody wurde Funker an der Ostfront. Später redete er über diese Zeit ohne jeden Stolz und ohne jedes Abenteuer. Eine Szene hatte ihm besonders zugesetzt. Sie fanden einen verletzten russischen Soldaten. Der Chef rief: „Erschießen Sie ihn!“ Horst Weber-Rhody weigerte sich. – „Schießen Sie, das ist ein Befehl. Keine Verletzten.“ – Nichts. Dann schoss der Vorgesetzte.

Kurz vor Ende des Krieges geriet er nahe Berlin in die Kesselschlacht von Halbe. Granatensplitter trafen ihn am Auge. Mithilfe eines anderen, dem ein Bein weggeschossen worden war, schaffte er es raus. Er konnte laufen, der andere sehen; zusammen humpelten der Blinde und der Lahme aus dem Krieg. „Ich habe nur mein Auge verloren, die anderen ihr Leben.“ Die Kriegsbilanz: zwei Brüder tot, der dritte in Gefangenschaft, der Vater an Krebs gestorben, die Wohnung ausgebombt.

Zurück in Berlin half Horst Weber-Rhody seiner Mutter, das zerstörte Familiengeschäft wieder aufzubauen. Das „Otto Weber Trauermagazin“, 1872 gegründet, eine gute Adresse am Gendarmenmarkt. In Zeitungsanzeigen warben sie mit eleganter schwarzer Promenaden- und Gesellschaftstoilette. Es war noch eine Zeit, in der die Damen und die Herren monatelang Trauer trugen. 1949 war das Haus hergerichtet, die Geschäfte liefen an. Doch dann verstaatlichte die DDR auch solche Kleinunternehmen, ohne Entschädigung, nur die Schulden durfte die Familie behalten. Das war zu viel für den 28-Jährigen. Dem Arzt zeigte er Blutstropfen im Schnee: „Die sind von mir, rausgehustet.“ TBC-krank und arbeitslos, auf den Fotos dieser Zeit schaut er ernst in die Kamera.

Aber eine Pause gönnte er sich nicht. Karl-Marx-Straße, Neukölln, der Familie gehörte hier ein Mietshaus, in das sie nun zogen. Eine Fliegerbombe hatte das Dach zerstört, das Horst Weber-Rhody jetzt reparierte.

Noch als er auf die 40 zuging, erlaubte er sich nicht, an eine Frau fürs Leben zu denken. Erst brauchte er die finanzielle Sicherheit, so war er geprägt. Schließlich wuchtete er als Vertreter der italienischen Firma „Olivetti“ die ersten Computer, die es für Büros gab, tonnenschwer und groß, von Kunde zu Kunde. Er verdiente gut, jetzt durfte er sich verlieben.

Doch dass es ein 18-jähriges Mädchen sein sollte, das ihm die heruntergefallene Brille auf die Nase setzte und ihn in diesem Moment verzauberte, hätte er nicht gedacht. Sie siezte ihn, er duzte sie. Doch es war geschehen, also ging er es an. Er richtete es so ein, dass sie sich immer wieder wie zufällig begegneten, er schrieb Briefe, er fuhr sie am Wochenende in Freiburg besuchen. Als sie fertig war mit ihrem Studium, heirateten die beiden.

Sie wurde Lehrerin und er mit 56 ein sehr moderner Vater. In Frührente organisierte er den Alltag mit den Kindern. Erst fuhr er den Sohn mit dem Fahrrad in den Kindergarten, später brachte er die Tochter mit der U-Bahn in die Schule. Brote schmieren, Mittagessen, Hausaufgaben, das volle Programm. Andere hielten ihn für den Opa, das machte ihm aber nichts.

Er wurde älter, die Kinder größer, sie campten, sie verreisten. So hätte es immer weitergehen können. Doch so plötzlich wie die Granate ihm sein Auge gestohlen hatte, nahm sich seine Tochter mit Anfang 20 das Leben. Sie litt an Depressionen. Jetzt gab es nichts mehr, das er anpacken konnte, die Trauer war nicht wegzuschaffen. Ihr Tod blieb ihm so unverständlich, dass er ganz still wurde. Schließlich erlitt er den Schlaganfall.

Doch er rappelte sich auf: Rollstuhl, Treppenlift, Therapie. Er lebte wieder auf und begann von Neuem, die Sonne auf dem Balkon und die Zeitung am Morgen zu genießen. In dieser Zeit entstand das Foto, lachend, voller Elan. Es blieben ihm noch ein paar Jahre.

Sein Geist war wach, doch der Körper gab auf. Er hätte noch etwas durchgehalten, aber nicht unter diesen Umständen: im Bett, beatmet, von anderen gepflegt. „Ich tot“, schrieb er auf ein Papier, daneben setzte er mit letzter Kraft drei Kreuze. Die Familie und die Ärzte davon zu überzeugen, dass es besser ist, ihn gehen zu lassen, war sein letzter Kampf. Am 15. März starb Horst Weber-Rhody mit fast 93 Jahren. Karl Grünberg

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