Berlin : Horst Wieruch (Geb. 1935)

„Müssen wir dich jetzt siezen?“

Anselm Neft

Sommer: Zeit, die Öfen winterfest zu machen. Zwei Gesellen steigen aus dem VW-Transporter der Firma Hermann Biesmann. „Du die linke Wohnung, ich die rechte“, sagt der eine. Aus dem Fenster der rechten schaut ein hübsches Mädchen. „Typisch“, sagt Horst und geht nach links. Ein paar Minuten später steht das Mädchen in der linken Wohnung vor ihm. Nanu? Wo kommt die denn her? „Ich heiße Renate. Zu Mittag gibt es Bohnen.“ Der Vater zückt das Trinkgeld: zwei Karten fürs Laubenpieperfest. „Für Sie und Ihre Freundin.“ – „Hab keene.“

Auf dem Fest Horst mit Sakko, weißem Hemd und Krawatte, und beim Tanzen groß in Form. Ein paar Tänze, eine Verabredung fürs Kino. Nachmittagsvorstellung, das Fräulein Tochter muss zeitig zu Bett. Renates Eltern sind streng. Da geht es anders zu als bei Horst zu Hause.

Horst war acht, da ist sein Vater in den Krieg gezogen. Es blieben Horst die Mutter und Brüderchen Peter. Aber dann wollte Peter auch mal die Stachelbeeren aus dem Laubengarten holen, einmal über den Teltower Damm. Das machte sonst Horst. Gemeinsam mit der Mutter musste er ansehen, wie der kleine Bruder von einem Militärtransporter angefahren wurde und auf der Straße verblutete. Die Mutter schrie: „Warum Peter?“ Horst hörte: „Warum nicht Horst?“

Am Grab stand die Familie beisammen. Vater hatte Heimurlaub von den Russen bekommen. Danach ging es zurück in Gefangenschaft und schließlich nach Sibirien, viel weiter weg, als sich Horst vorstellen konnte.

Die Mutter freundete sich mit Willi an, erklärte ihren Mann aber nicht für tot. 1956 ließ Adenauer die letzten Deutschen aus Russland holen – und da stand auf einmal der Vater wieder vor der Tür. Horst sagte zu seiner Mutter: „Was du mit Willi machst, ist deine Sache. Aber Papa braucht ein Zuhause.“ Es endete damit, dass Willi gehen musste.

Als Horst und Renate knutschend auf dem Bett liegen, schallt es aus dem Flur: „Hallo Sohni, wir sind wieder da!“ Renate möchte vor Scham vergehen. Wenn das ihre Eltern wären, wäre jetzt die Hölle los. Horsts Vater nimmt Renate in den Arm: „Schaff dir mal den roten Kopf wieder ab. Ist doch alles in Ordnung.“

So kann’s gehen, Laubenpieperfest, Verlobung, Hochzeit, zwei Kinder. Horst werkelt weiter als Geselle, tüchtig, akkurat, mit großer Leidenschaft. Der Chef drängt Horst zum Meisterkurs, doch dem rutscht das Herz in die Hose. Er hat doch nur die Volksschule besucht. Und selbst wenn er besteht: Einen eigenen Betrieb kann er sich nicht leisten. Renate sieht das anders: „Nu ma ran an die Buletten. Nachher kannste immer noch sehen.“

Er zögert weiter. Als sie Horst ihren Plan erzählt, sie Chefin eines Modegeschäfts, er ihr Fahrer, winkt Horst ab und beginnt den Meisterkurs.

Von da fügt sich eins ins andere. 1966 besteht Horst die Meisterprüfung, 1967 stirbt sein Chef, die Chefin nimmt Horst zum Nachfolger.

„Müssen wir dich jetzt siezen?“, fragen die alten Kollegen. „Quatsch. Ich bin euer Horst“, sagt Horst. Er und seine „Töpper“ bauen in den nächsten Jahren Öfen im ganzen Land. Jedes Stück ein Unikat nach Kundenwunsch: urige Kachelöfen, kühle Science-FictionGestelle, Wigwam-ähnliche Hippieträume mit Holzintarsien. Öfen sind für Horst nicht bloß Gebrauchsgegenstände: Sie sind die wärmespendenden Herzen der Wohnung, Familienherde, jeder eine einzigartige Schöpfung.

Renate schreibt zu Hause nach Notizen des Mannes die Angebote. Die Söhne Peter und Frank hält sie solange mit Märchenplatten bei der Stange. Hin und wieder liest sich das kurios: „Buderus-Ofen Modell ,Schneewittchen’ am Schornstein anzuschweißen“. Horst ist begeistert: „Das schicken wir so ab.“

Mit den Öfen läuft es so gut, dass es ein Kollege nicht aushalten kann. Computer müssten her, aufs Firmengelände könnte man eine Lagerhalle bauen. Fertigöfen für den Massenverkauf. Noch mehr Umsatz. Und ein Showroom, eine Marketingkampagne. Horst winkt ab: Er will gute Öfen bauen, der Firlefanz interessiert ihn nicht.

Ein Bandscheibenvorfall führt zu einem großen Check. Dabei stellt sich raus: Horst trägt einen 16 Zentimeter großen Knubbel auf der Herzschlagader spazieren, oder kurz: ein Aortenaneurysma. Dann ein Herzinfarkt. Operation unmöglich. Horst wird „medikamentös eingestellt“. Mit den Zigaretten ist Schluss.

Im Ruhestand bleibt er umtriebig: Flusskreuzfahrten, Sudoku-Orgien, Polonaise beim James-Last-Konzert.

Auch Ordnunghalten und Dokumentieren fällt in sein Ressort. Einmal wischt Horst mit Enkel Nico Staub, dass es eine Freude ist: Alle Gegenstände werden auf den Tisch gestellt und einzeln abgestaubt. Dabei notiert Horst 236 Eulen. Die sammelt seine Frau. Horst kontert mit Hähnen aus Glas.

Im August 2008 die Diagnose Krebs. Chemotherapie, alle Herzmittel werden abgesetzt. Horst glaubt fest an seinen Schutzengel. Sein Wunsch: zur goldenen Hochzeit mit Renate erneut vor den Altar treten. Und dann ab nach Norwegen, auf Seefahrt. Wo ein Wille ist, ist ein Weg.

Diesmal leider nicht. Anselm Neft

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