Hotel Adlon : Das kommt gut an

Betriebswirte erledigen den Einkauf fürs Adlon

Stefan Jacobs

In jedem Spitzenhotel gibt es ein paar Dinge, die es nur dort gibt. Im Adlon etwa das speziell bei Amerikanern sehr beliebte Handtuch mit einem Brandenburger Tor aus Swarovski-Kristallen. Oder den praktischen Handtaschenhalter, eigentlich nichts weiter als ein großer, gummierter Knopf mit einem Haken dran. Trotzdem taugt er als Souvenir. Die Gäste bekommen ihn eben nur hier – geborgt fürs Dinner und bei Gefallen gern im Lifestyle-Shop am Ausgang Wilhelmstraße. Zu verdanken sind solche Erfindungen dem Hotelpersonal oder aber Zulieferern und gelegentlich irgendwelchen Daniel Düsentriebs, die sie dem Adlon schicken. Dort müssen sie noch von der Einkaufsabteilung geprüft werden.

Robert Siegler ist der Einkaufsdirektor des Hotels und nach eigener Aussage „kein so plüschiger Typ“, was man ihm gern glaubt. Sein Arbeitsplatz befindet sich in einem Großraumbüro auf der Hotelrückseite. Hier sitzen unglamouröse Menschen unter Neonlampen an Telefonen und Computern und verwalten das Hotel. Die Einkaufsabteilung teilt sich einen Viererschreibtisch in einer Nische. Übermäßig viel Platz ist hier, auf einem der teuersten Grundstücke der Stadt, nirgends. Wer je mit seinem Auto in die Adlon-Tiefgarage fuhr und sich dabei an einem in der Einfahrt stehenden Lieferwagen vorbeidrängeln musste, kennt das Problem.

Ein paar Etagen über der Einfahrt also sitzt Siegler in seiner Büroecke und prüft Alltägliches wie die aktuellen Preise für Klopapier und Toner. Solche profanen Dinge kauft das Adlon bei normalen Händlern. Für Branchentypisches gibt es Onlineportale, in denen Siegler gern recherchiert – immer auf der Suche nach Exklusivem. Gerade hat er zum Beispiel eine hölzerne Weinflaschenbox geordert, in zwei Versionen: die eine ist rau mit Astlöchern und Nägeln, die andere glatt mit sauber verzahnten Kanten, beide haben Messingscharniere. Fürs Adlon hat Siegler die gute Version bestellt, aber mit silbern glänzenden Scharnieren. „Es ist relativ leicht, hier Einkäufer zu sein“, sagt er. Weil nämlich nur Topqualität geordert wird.

Bei den vom Kempinski-Konzern zentral eingekauften Kosmetikartikeln gibt es fürs Adlon normalerweise keine Extrawürste, was Siegler angesichts der dadurch möglichen Preisvorteile in Ordnung findet. Aber bei jedem Artikel wird die Qualität geprüft, selbst beim Toilettenpapier: Geht’s reißfester, weicher, dicker? Wenn das Personal nach Tests befindet, dass fünflagiges Papier besser wäre als vierlagiges, darf das Adlon auch fünflagiges ordern. Es muss nur zwei Anforderungen genügen: „Geiz ist nicht geil“ und „Wir haben nichts zu verschenken“. Der Preis spielt also durchaus eine Rolle. Siegler, gelernter Koch und geborener Zahlenfan, ist Betriebswirt durch und durch. Hier kann er sich ausleben und den Espresso von einer anderen Firma kaufen als den Kaffee. Wenn der besser schmeckt und die höheren Selbstkosten in den Preisen auf der Karte einkalkuliert sind – kein Problem.

Die Getränke sind ohnehin ein interessantes Thema, besonders die im Weinkeller. Dem fehlt zwar die Gruftatmosphäre, aber das eigens gut verschlossene Metallregal in der Mitte des gefliesten Kellerraumes macht auch was her. Hier liegen Flaschen, die andere als Wertanlage betrachten würden. Von manchen dieser Tropfen gibt es nur ein paar Dutzend auf der Welt. Ebenso wichtig wie die Sicherung ist die Platzierung des Weines auf der 700 Positionen umfassenden Karte, denn das Hotel will schließlich Geld verdienen. So gesehen war der vergangene Abend, an dem vier russische Gäste zwei Flaschen à 3500 Euro leerten, ein guter Abend.

Wem der Wein im Adlon geschmeckt hat, der kann sich gern noch ein paar Flaschen nach Hause liefern lassen, zumal bei Berliner Händlern fast alles kurzfristig zu bekommen ist. Und wer nicht genau weiß, ob er seinen königlichen Schlaf dem Wein oder dem Bett zu verdanken hatte, kann auch das Bett bekommen. Miniaturmatratze, Kissen und Stoffmuster stehen im Lifestyle-Shop zur Ansicht bereit. „Wir haben auch schon ein Bett nach Mexiko geliefert“, erzählt Siegler. So, wie seine Betriebswirtsaugen dabei blitzen, war es für beide Seiten kein schlechtes Geschäft.

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