Hunde an die Leine : Platz! Sitz! Aus!

Welcher Jogger kennt das nicht: Plötzlich steht da ein lauernder Hund, während Herrchen oder Frauchen wegschauen. Hunderttausende Menschen werden jährlich gebissen, die Wunden können gefährlich sein – Zeit für eine Leinenpflicht.

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Ach, der tut nix! Viele Hundebesitzer haben ein ziemlich freundliches Bild von ihrem Liebling.
Ach, der tut nix! Viele Hundebesitzer haben ein ziemlich freundliches Bild von ihrem Liebling.Foto: dpa

War es Friedrich Nietzsche, von dem der Satz stammt: „Wenn du mit Bello Gassi gehst, vergiss die Leine nicht“? Wie auch immer – es ist schade, dass dieses Wort heute nicht mehr viel gilt.

Ich jogge am Stadtrand an einem idyllisch gelegenen See. Auf dem Weg dorthin muss ich über eine Wiese laufen, die auch von vielen Hundehaltern frequentiert wird. Ein von der Stadtverwaltung aufgestelltes Schild mit der Aufschrift „Hunde sind anzuleinen“ hat wohl den gesammelten Zorn der zahlreichen Tierfreunde auf sich gezogen. Jedenfalls ist es völlig zerbeult und sieht aus, als hätte man darauf ein Scheibenschießen veranstaltet.

Viele Hundebesitzer lassen ihren Liebling spätestens auf besagter Wiese von der Leine, damit er herumtollen und Jagd auf Jogger machen kann. Die Gelegenheit ist auch einfach zu günstig: Ein laufender Mensch im halbhohen Gras weckt den Beuteinstinkt des Hundes. Dessen Vorfahr, der Wolf, hatte den Menschen bekanntlich zum Fressen gern.

Bilder: Diese Hunderassen gelten als gefährlich

Gefährliche Hunde
In der Beißstatistik liegt der Boxer mit 15 Fällen, "in denen Menschen verletzt oder gefahrdrohend angesprungen wurden" im Mittelfeld. Der Boxer steht in Berlin nicht auf der Liste der gefährlichen Hunde. Weitaus am häufigsten attackieren Mischlinge in Berlin Menschen. 263 Fälle wurden in einem Jahr insgesamt aktenkundig. In dieser Bildergalerie zeigen wir eine Auswertung der Vorfälle nach Hunderassen anhand der zuletzt verfügbaren Statistik aus dem Jahr 2010.
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1 von 6Foto: Wikimedia Commons
28.02.2012 08:19In der Beißstatistik liegt der Boxer mit 15 Fällen, "in denen Menschen verletzt oder gefahrdrohend angesprungen wurden" im...

Der Hund springt also auf mich zu – meistens ist er schwarz und groß – und stoppt mich. In geduckter Haltung lauert er, zum Sprung bereit. Es kann auch sein, dass er mich umkreist, damit die Beute nicht entkommen kann. Aber wo sind eigentlich Herrchen oder Frauchen? Auch hier gibt es zwei Varianten: das Herrchen, das sich vornehm im Hintergrund hält und seinen Hund entscheiden lässt, wann und wie er zuschnappt. Und es gibt das Frauchen, das genervt reagiert, weil man es wagt, sie leicht nervös darauf aufmerksam zu machen, dass ihr frei laufender Hund Anstalten zur Attacke macht.

Zugegeben, ich spitze zu. Die meisten Hundehalter verhalten sich verantwortungsvoll und leinen ihr Tier an. Oder haben es tatsächlich im Griff. Trotzdem wäre es so einfach, die Gefahr zu verringern: In der Öffentlichkeit Leinenzwang für Hunde. Hamburg macht es vor, wobei „geprüfte“ Hunde von der Pflicht ausgenommen sind. Und Berlin? Eine Tourismus-Webseite der Stadt prahlt damit, dass es in Berlin keinen „generellen Leinenzwang“ gibt. (Und auch damit, dass das Herrchen vom Ordnungsamt nichts zu befürchten hat, wenn es Fiffis Haufen liegen lässt – die Berliner hätten „das Umgehen von ,Tretminen‘ längst verinnerlicht“.) Das mag nicht die Position des Senats sein, aber so wird auf dem „offiziellen Hauptstadtportal“ um Besucher geworben.

Video: So bekommt man den Hundeführerschein

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Ein Führerschein für Hunde

Gute Gründe für diese laxe Einstellung gibt es nicht. Hunde sind Raubtiere, es liegt in ihrer Natur zu beißen. Die Hundedichte führt in Deutschland jedes Jahr zu ungezählten Beißattacken. In Großbritannien hat man einmal hochgerechnet und ist auf 250.000 Verletzungen durch Hunde gekommen. Besonders häufig werden Kinder angegriffen. Man schätzt, dass jedes zweite irgendwann einmal gebissen wird, Jungen eher als Mädchen. Viel öfter als bei Erwachsenen wird bei ihnen das Gesicht – Lippen, Nase, Wangen – in Mitleidenschaft gezogen. Und: Jedes Jahr werden bei uns mehrere Menschen totgebissen.

Dr. Hartmut Wewetzer
Dr. Hartmut WewetzerFoto: Kai-Uwe Heinrich

Der Hundekiefer hat an den Ecken vier Fangzähne, mit denen die Beute festgehalten wird. Mit den hinteren Zähnen versucht das Tier dann, Gewebe herauszureißen. Die Folge: „Unter einer scheinbar kleinen Verletzung kann sich eine tiefe Risswunde verbergen“, sagt Tobias Lindner, Unfallchirurg in der Rettungsstelle des Virchow-Klinikums. Die Wunde muss sorgfältig gereinigt werden und unter Umständen vorsorglich ein Antibiotikum eingenommen werden. Keime aus der Mundhöhle des Hundes können sich sonst im Körper ausbreiten, verheerende Infektionen sind mitunter die Folge. Etwa jeder fünfte Hundebiss führt zur Wundinfektion.

Ich kann nachvollziehen, wenn Städter Auslauf für ihren Hund wollen, weil das dem Naturell der Tiere entspricht. Doch abgesehen davon, dass es in Berlin entsprechende Angebote gibt: Die Sicherheit der Passanten hat Vorrang. Artgerecht ist die Haltung in der Stadt ohnehin nicht. Trotzdem würden Rex und Fiffi, wenn sie die Wahl hätten, vermutliche eine warme Behausung mit nettem Menschenrudel und genügend Futter dem harten Dasein als Steppentier vorziehen. Mit oder ohne Leine. Wuff.