Berlin : Hunde im All und Katzen in Sibirien

Wolfram Siebeck

im Zwiegespräch mit seinem politischen Haustier „Ich lese soeben, dass Katzen in den USA die beliebtesten Tiere der Surfer sind. Macht dich das stolz?“

Frau Hoffmann sieht mich mit großen Augen an. Hast du sie noch alle?, heißt das, wenn ich richtig übersetze. Tatsächlich äußert sie sich sinngemäß, wenn auch, wie es ihre Art ist, konzilianter: „Ich und surfen? Du weißt doch, was ich vom Wasser halte. Und dann noch Wasser mit Wellen! Grrrr …“

„Entschuldige, dass ich mich nicht präzise ausgedrückt habe. Es handelt sich nicht um die Wellenreiter von Hawaii, sondern um Surfer im Internet.“ Frau Hoffmann kräuselt die Nase. Die ist rosa und sehr sauber, was erstaunlich ist, wenn man bedenkt, wo sie sie überall reinsteckt. Nasekräuseln ist bei ihr das, was dem menschlichen Lachen am nächsten kommt.

„Internet?“, kichert sie (das heißt, sie fügt der gekräuselten Nase noch ein schiefes Ohr hinzu), „das ist doch die Tätigkeit, bei der es dich nicht stört, wenn ich auf die Schreibtasten trete, nicht wahr?“

Da sie mit ihren Pfoten die Aufdringlichkeiten verschwinden lässt, die zu löschen mir die Energie fehlt, stört es mich in der Tat nicht. Einmal hat sie mich auf diese Weise sogar aus einem Chatroom befreit, als ich gerade begann, mich mit einer Wichtigtuerin namens Rike-O über die Auswirkung des Irakkrieges auf die Nilkrokodile zu streiten. Deutlicher als Frau Hoffmann kann man nicht demonstrieren, wie sinnlos, überflüssig und zeitverschwendend das Surfen im Internet ist. Ein Fußtritt, und Google, Schmugel, L.U.G.E.L verschwinden wie durch Zauberei.

„Was hast du denn noch über meine Beliebtheit erfahren?“, nimmt sie das ursprüngliche Thema wieder auf. „Es hat etwas damit zu tun, dass Amerikaner Katzen lieber angucken als, sagen wir: Waschbären.“ Ich wollte eigentlich „Hunde“ sagen, weil das der Nachricht aus den USA entspricht. Aber das H-Wort schlägt ihr jedes Mal auf den Magen wie eine bestimmte Sorte Dosenfutter, die ich aus begreiflichen Gründen ebenfalls nicht nennen möchte.

„Die Amerikaner sind tolle Typen!“, schnurrt sie anerkennend. „Stimmt es, dass sie alle rote Häute haben? Du warst doch schon mal in Amerika, nicht wahr?“

„Gewiss. Aber sie waren nie zu Hause, sondern entweder in Vietnam oder in Kuwait oder im Irak.“

„Was haben sie dort gemacht? Katzen gefüttert?“

„Ich glaube nicht. Ich war ja nie dabei, wenn sie in die Ferien fuhren.“ Sie peitscht beunruhigt mit dem Schwanz. Das Wort „Ferien“ und die damit verbundene Vorstellung vom Autofahren lösen bei ihr Panik aus.

„War es nicht Spinoza, der gesagt hat, alles Unglück der Welt begann damit, dass der Mensch seine Wohnung verließ?“ Weiß der Himmel, woher sie Spinoza kennt. Wenn es denn Spinoza war, der diesen Schnack von sich gegeben hat.

Aber es ist was dran. Obwohl – wenn die Amerikaner alle zu Hause geblieben wären, hätten wir sie heute noch in Europa, jedenfalls die frommen, weißen Puritaner, die jetzt im Mittelwesten sitzen, vor dem Frühstück beten und danach im Internet surfen. Rumsfeld wäre bayerischer Ministerpräsident,

Als hätte sie meine finsteren Gedanken erraten, maunzt Frau Hoffmann in die entstandene Stille: „Mögen sie Katzen immer, oder nur beim Surfen im Internet?“

„Immer, selbstverständlich.“

„Warum bist du so sicher?“

„Weil sie noch nie eine Katze in den Weltraum geschossen haben. Wohingegen die Russen …“

„Was ist mit den Russen?“

„Sie haben eine Hündin, die Laika hieß, in den Weltraum geschossen …“

„Jetzt verstehe ich, warum die PDS so viele Anhänger hat! Der gute Onkel Stalin hat Hunde dorthin befördert, wo sie hingehören!“

Den „guten Onkel“ hat sie garantiert nicht in diesem Haus aufgeschnappt.

„Lob ihn nicht zu sehr“, bremse ich ihren aufkeimenden Stalinismus. „Er hat auch Katzen nach Sibirien geschickt. Eine ist zu Fuß zurück bis an die Wolga gelaufen und hat vom sibirischen Katzenelend erzählt.“

„Zu Fuß bis zur Wolga! Hat sie eine Goldmedaille gekriegt?“

Ich schüttele den Kopf. „Eine französische Sportzeitung hat herausgefunden, dass die Katze gedopt war.“

— Der Autor ist Deutschlands bekanntester Gourmetkritiker und kennt sich auch bei Katzen aus. Ganz besonders bei Frau Hoffmann, seiner schlauen Mitbewohnerin. Sie hat zu allem etwas zu sagen.

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