Ich bin ein BERLINER (53) : „Koscher essen beim Imam“

Yitzhak Ehrenberg wurde einst als Rabbiner aus München abgeworben. Was wolle er in einem Dorf, wenn er die Hauptstadt haben könne! In unserer Serie "Ich bin ein Berliner" erzählt der 63-Jährige, wie glücklich er mit dem Umzug ist.

von und Jan Garcia,Jana Gioia Baurmann
Ich bin ein Berliner (53)
Ich bin ein Berliner (53)

Seit 17 Jahren bin ich Rabbiner der jüdischen Gemeinde in Berlin. Ganz am Anfang, als ich hierher kam, war ich in ein Gymnasium eingeladen, ich sollte dort einen Vortrag halten. Ich nahm die U-Bahn, die Sekretärin sagte noch: ,Aber das ist doch gefährlich! Haben Sie denn keine Angst?‘ Ich sagte: ‚Ich bin in Israel geboren, ich habe keine Angst.‘

In der U-Bahn stand neben mir ein Mann, Deutscher, er war unruhig, das merkte ich sofort. Irgendwann sagte er zu mir: ‚Herr Rabbiner, ich möchte mich bei Ihnen entschuldigen.‘ Ich fragte: ‚Was hast du denn getan?‘ Er antwortete: ‚Ich möchte mich für das entschuldigen, was mein Volk Ihrem Volk angetan hat.‘ Das ist so, dass einem die Shoah immer wieder begegnet.

Es war eine kluge Entscheidung von Helmut Kohl und Heinz Galinski, damals Vorsitzender der Berliner Gemeinde und des Zentralrats, in Deutschland wieder jüdische Gemeinden zu etablieren. Wir haben hier in Berlin eine wunderbare Gemeinde. Sie hat rund 12 000 Mitglieder, 80 Prozent sind Immigranten aus der ehemaligen Sowjetunion. Aber alle sind gebildete Leute, die viel Kunst und Wissen mit nach Berlin bringen. In der Synagoge wird manchmal Russisch gesprochen - aber meinen Gottesdienst halte ich nur auf Deutsch und Hebräisch!

Berlin ist eine temperamentvolle Stadt, hier wird es nie langweilig. Ich treffe mich regelmäßig mit den Oberhäuptern anderer Kirchen. Am Ende des Ramadans hatte mich ein Imam eingeladen, die hatten extra koscheres Essen für mich bestellt, das war toll.

Rabbiner Yitzhak Ehrenberg, 63: "Vom Dorf München in die Hauptstadt"
Rabbiner Yitzhak Ehrenberg, 63: "Vom Dorf München in die Hauptstadt"Foto: Röhlig

Vor 50 Jahren - am 26. Juni 1963 - hielt John F. Kennedy seine berühmte Berliner Rede. Hier erzählen 100 Berliner, was ihnen diese Worte bedeuten - und wie sie die Stadt heute erleben. Siemens unterstützt das Tagesspiegel-Projekt. Alle bisher erschienen Videos zu der Serie "Ich bin ein Berliner" finden Sie unter:www.tagesspiegel.de/berliner

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