Berlin : Ich fühl mich gut, ich steh auf Charlottenburg

Annette Humpe, Ikone der Neuen Deutschen Welle, ist zurück: Mit Sänger Adel Tawil hat sie das Duo „Ich & Ich“ gegründet

Nana Heymann

Es muss nicht immer Berlins hippe Mitte sein, damit Künstler einen kreativen Schub kriegen. Charlottenburg reicht auch. Zumindest ist es bei Annette Humpe so. Die Musikerin genießt die Beschaulichkeit ihrer Wohngegend am Lietzensee. Hier ist auch ihr neuestes Projekt „Ich & Ich“ entstanden, mit dem sie sich in der Öffentlichkeit zurückmeldet. Im gediegenen Ambiente eines Hotels erzählt sie von sich und ihrer Musik.

Vor 14 Jahren zog sich die Sängerin, die in den 80er Jahren mit der Band „Ideal“ und Stücken wie „Blaue Augen“ oder „Berlin“ Hits landete, aus dem Rampenlicht zurück, verschwand in ihrem Kellerstudio. Nach der letzten Solo-Platte hätte sie sich jegliche öffentlichen Auftritte verboten, sagt sie. Weil sie sich zu alt für die Bühne gefühlt habe. Weil sie einen Sohn bekam. Weil sie allein erziehende Mutter war. All das erzählt sie in einem Tonfall der absoluten Überzeugung. Trotzdem ist es eine Erklärung, die man einer leidenschaftlichen Künstlerin nicht so recht glauben kann, glauben will.

Statt also im Scheinwerferlicht zu stehen, arbeitete sie zusammen mit Rio Reiser und Udo Lindenberg, schrieb Texte für Lucilectric, produzierte Die Prinzen. Alles ganz ohne großes Aufsehen. Der Name Humpe blieb dennoch immer wieder im Gespräch. Sei es durch Schwester Inga, die mit 2Raumwohnung Erfolge feiert, oder durch das Revival der Neuen Deutschen Welle und den Versuchen von Elektropop-Miezen, ihr musikalisches Vorbild zu kopieren. Doch wenn das Original den Raum betritt, wird klar: Naiv-unbedarfte Mädchen können da nur schwer mithalten. Denn auch im legeren Freizeitlook umgibt die Künstlerin eine Aura von distanzierter Anmut und erhabenem Charme.

Noch während Annette Humpe einen Capuccino bestellt, entschuldigt sie die Verspätung ihres Kollegen und Projektpartners Adel Tawil. Der schiebt kurz darauf seinen wuscheligen Lockenkopf durch die Tür und begrüßt seine Duettpartnerin mit Kuss auf die Wange. Es ist ein Anblick, bei dem einiges nicht so recht zusammenpassen will: 27 Jahre Altersunterschied trennen die beiden. Er, das ehemalige Boyband-Mitglied (The Boyz), sie, die einstige NDW-Ikone; er gibt den ungestümen Frauenschwarm, sie die kultivierte, lebenserfahrene Lady. Vielleicht machen gerade diese Gegensätze die künstlerische Anziehung zwischen den beiden aus, seit sie sich vor zwei Jahren erstmals in einem Musikstudio bei einer Auftragsproduktion begegneten. Sie kamen ins Gespräch, entwickelten gemeinsame Songideen und nahmen ein Stück nach dem anderen auf. Keine hastig zusammengeschraubten Songs, sondern liebevoll inszenierte Balladen und schnellere Pop-Nummern voller Melancholie und Nachdenklichkeit, getragen von Gitarre, Streichern und Elektro-Einsprenkelungen. Im März erscheint der gemeinsame Longplayer, unter dem Projektnamen „Ich & Ich“.

Wenn Annette Humpe und Adel Tawil von der Arbeit im Studio reden, von den „magischen Momenten mit Gänsehaut“, davon, dass es „Fun gemacht“ habe zu sehen, wie „die Stimmen zusammen funktionieren“, dann klingt das nicht nur wie die typischen, abgeklärten Erzählungen von Kollegen. Bei den Geschichten fallen sie sich immer wieder gegenseitig ins Wort, ergänzen einander die Sätze, nicken dem anderen zustimmend zu. Es ist offensichtlich, dass sich da zwei gefunden haben, die sich nicht nur professionell, sondern auch privat – als Freunde – sehr gut verstehen. Anders hätte es wohl auch kaum geklappt, Annette wieder vor das Mikrofon zu kriegen. „Ich hatte mir das ja verboten und eine Schere im Kopf“, sagt die 53-Jährige und schaut ihren Kompagnon dabei fast dankend an. „Adel hat mich gelockert und inspiriert.“ Aber warum gerade jetzt das Comeback als Sängerin? Vielleicht wegen Schwester Inga? Ja, ein wenig auch deshalb, der „sportliche Ehrgeiz“ sei Ansporn gewesen, gibt Annette Humpe unumwunden zu. Mit der 80er Jahre-Welle mitzuschwimmen wie beispielsweise Nena sei ihr hingegen nie in den Sinn gekommen. „Ich brauch das nicht. Ich muss und will meine alten Lieder nicht mehr singen“, sagt sie. Stattdessen will sie mit Adel den Blick nur noch nach vorne richten, auf die Abschlussarbeiten am Album und Auftritte, auch wenn sie vor denen „totalen Schiss“ habe.

Und so laufen Annette Humpe und Adel Tawil nach dem Gespräch durch die kalte Charlottenburger Spätherbstidylle zurück. Zurück ins Studio. Zurück ans Mikrofon. Ein paar Songs einsingen, den ersten großen Auftritt in der Volksbühne vorbereiten. Vielleicht sind dabei Ruhe und Beschaulichkeit gar nicht schlecht.

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