Berlin : Ich hab’ Zeit

Steffen Czirnia verziert Uhren, gibt ihnen Namen und verkauft sie auf Märkten.

von
Der Romantiker. Uhrenkünstler Steffen Czirnia verkauft seine Werke an seinem Fahrradverkaufsstand. Foto: Doris S.-Klaas
Der Romantiker. Uhrenkünstler Steffen Czirnia verkauft seine Werke an seinem Fahrradverkaufsstand. Foto: Doris S.-Klaas

Steffen Czirnia unterhält sich an seinem Marktstand über den Sinn des Daseins. Der 35-Jährige zitiert Goethe, überlegt kurz und sagt dann: „Moment, da habe ich auch eine Uhr dazu.“ Er taxiert die ausgestellten Werke und greift nach einer kleinen Box. Auf dem Zifferblatt ist der Dichterfürst zu sehen, vor einem Brief seiner geliebten Charlotte von Stein. Czirnia hat die Collage in Feinarbeit selbst gemacht und auf das Ziffernblatt gelegt.

Mit Schirmmütze und Stoffhose steht er auf dem Wochenmarkt am Hackeschen Markt in Mitte. Seit zwei Jahren verkauft er dort Taschen- und Armbanduhren mit umgebauten Ziffernblättern; sie kosten zwischen 18 und 34 Euro. Er nennt sich auch Vitamin B11. „Man braucht es nicht, aber es ist schön, wenn man es hat.“ Czirnia steht zweimal pro Woche da und sonntags auch im Mauerpark in Prenzlauer Berg. Später zieht er noch seinen roten Frack an und setzt die Melone auf – den Zylinder hat er heute vergessen. Ein altes Fahrrad mit Aufbau dient als Präsentationsfläche. Um die Stangen des Sonnenschutzes ranken sich Plastikblätter und Pfauenfedern, am Stand hängen alte, mit Moos gefüllte Wecker und eine große Uhr in einem Vogelkäfig. Die läuft rückwärts.

Steffen Czirnia war schon stellvertretender Leiter einer Supermarktkette, Inhaber eines kleinen Baumarkts, Uhrenverkäufer in der Schweiz und Fellverkäufer in Berlin, bevor er seine Bestimmung fand. Er hängt an seinen Uhren und verkauft sie stets auch mit einem weinenden Auge. „Ich zahle jede Uhr auch mit Zeit. Und mit dem Geld, das ich dafür bekomme, kann ich mir keine neue Zeit kaufen.“ Jedes seiner Werke hat eine Philosophie, jedes hat Steffen Czirnia mit einem Namen bedacht, so wie die Uhr mit der grünen Landkarte auf dem Ziffernblatt. Sie heißt: „Wir schreiben das Jahr 2026, die Menschheit hat leider nicht überlebt, aber siehe da: Die Welt ist grün.“

Ständig kommen neue Kunden an Steffen Czirnias Marktstand. „Meine Freunde sagen, ich rede zu viel“, sagt er, doch die Kunden scheinen seine Geschichten zu mögen. Er erklärt ihnen jedes seiner Werke. Zum Beispiel die Uhr mit dem großen blauen Schild vom U-Bahnhof Alexanderplatz. Davor räkelt sich die Muße. „Willste Muße sehen, dann bleib einfach stehen“, heißt sie. Die Muße greift mit der Hand direkt in die Zeiger, als könne sie die Zeit anhalten. Oder die Uhr „Über den Dächern von Klein-Paris“ mit der Eule, der der Stundenzeiger mit seiner Verzierung immer um sechs und um 18 Uhr eine Brille aufsetzt. Eines von Czirnias liebsten Stücken ist eines, auf der eine Kutsche über den Rand des Mondes fährt; dahinter strahlt die Sonne. „Nur wollen die Leute sie nicht mehr haben, wenn sie den Titel hören“, sagt Czirnia. „Als sich Tag und Nacht verliebten, hatte das Leben schwer was dagegen. Da zerbrach das junge Glück – Leben eben.“

Samantha aus Lichtenberg ist Stammkundin bei Czirnia. Die 20-Jährige hat eine seiner Uhren, deren nietenbesetztes Lederarmband sie dreimal ums Handgelenk gewickelt trägt. Samantha hat Czirnias Uhren auch für eine Freundin und für ihre Mutter gekauft. Jetzt holt sie eine Sonderbestellung für die Mutter ab. Maxi, 22, aus Tiergarten, bespricht mit dem Uhrenmacher ebenfalls eine Sonderbestellung. Sie wünscht sich eine Kombination aus Kompass und Landkarte auf dem Zifferblatt.

Czirnia wohnt in einer Wagenburg in Erkner, er braucht nicht viel Geld. In zwei Jahren will er ein eigenes Uhrenlabel haben, jetzt machen ihn schon die bewundernden Kommentare der Kundschaft zufrieden. Manchmal, sagt er, fühle er sich bei all der Puzzlearbeit aber auch wie ein Sklave der Zeit. Und das geht schließlich auch vielen seiner Kunden so. Die Uhr im Vogelkäfig über der Auslage soll alle daran erinnern. Wer sie sieht, soll sich fragen: Wer hat hier eigentlich wen gefangen, ich die Zeit oder die Zeit mich? Franziska Felber

Steffen Czirnia steht mit seinen Uhren auf dem Wochenmarkt am Hackeschen Markt in Mitte: Donnerstag 9 bis 18 Uhr und Samstag 10 bis 18 Uhr. Auf dem Mauerpark-Flohmarkt in Prenzlauer Berg ist er am Sonntag, 8 bis 18 Uhr zu finden. Mehr über ihn unter www.vitaminb11.com

0 Kommentare

Neuester Kommentar