Berlin : „Ich hatte das Gefühl, auch ich sei gemeint“

Zeitzeugen erinnern sich daran, wie sie John F. Kennedys Besuch an der Freien Universität Berlin persönlich erlebten.

Auf dem Weg zur Rede: Ruth Brandt, Ehefrau des Regierenden Bürgermeisters, und Lee Radziwill in Vertretung ihrer Schwester, First Lady Jackie Kennedy. Foto: Reinhard Friedrich/Universitätsarchiv (UA) der Freien Universität Berlin
Auf dem Weg zur Rede: Ruth Brandt, Ehefrau des Regierenden Bürgermeisters, und Lee Radziwill in Vertretung ihrer Schwester, First...

Eine Fremdsprache



Als „westdeutscher Schüler“ in Berlin war der Kennedy-Besuch für mich natürlich ein besonderes Erlebnis. Die Route war bekannt, also konnte der Gast zunächst in der City begrüßt werden. Wer damit noch nicht genug hatte, konnte wie ich mit der U-Bahn zum Oskar-Helene-Heim fahren, um einen nochmaligen Blick auf die Kennedy-Wagenkolonne zu werfen. Dort stand ich in einer jubelnden Menschenmenge, der Fahrzeugkonvoi fuhr vorbei, und keiner verließ seinen Platz. Alle harrten der Dinge, die da kommen sollten. Einer meiner Gedränge- Nachbarn, Typ „gestandener Bauarbeiter“ in Arbeitskluft, hielt sich ein winziges Transistorradio ans Ohr, um nichts von den Reportagen zu verpassen, die über den Äther kamen. Er konnte verfolgen, wie Kennedy vom Rektor der Freien Universität, Ernst Heinitz, begrüßt wurde und die Ehrenbürgerwürde der Universität erhielt. Der Moment war würdig, und Heinitz ehrte Kennedy in einer geschliffenen Ansprache – auf Latein. Mein Gedränge-Nachbar hörte sich die Übertragung kurze Zeit an, dann nahm er sein Miniradio vom Ohr, hielt es mir – einem ihm vollkommen unbekannten Gymnasiasten – mit den Worten entgegen: „Dit kannst Du jetzt hören, der spricht katholisch!“

Roland R. Vogel, damals Schüler, später Student der Freien Universität Berlin

Vom Jubel angesteckt

Bei Kennedys Rede am Schöneberger Rathaus war ich dabei, und spätestens beim Satz „Ich bin ein Berliner“ wie elektrisiert. Danach wollte ich unbedingt auch nach Dahlem. Dort stand ich bei herrlichem Wetter eng gedrängt in einer begeisterten Menschenmenge. Dann fuhr langsam ein großer schwarzer Wagen etwa zwei Meter von mir entfernt vorbei: Darin waren Adenauer, Brandt und aufrecht stehend und winkend: der braun gebrannte, strahlende Kennedy! Um mich herum brandete tosender Beifall auf, die Arme fuhren in die Höhe. Die Menschen jubelten. Und ich merkte mit großem Erschrecken, dass auch ich mitjubelte und begeistert winkte, obwohl Kennedy mir vorher eigentlich nicht so wichtig gewesen war. Seitdem weiß ich, dass man bei Massenansammlungen sehr vorsichtig sein muss.

Helga Zastrow, damals Studentin an der Pädagogischen Hochschule in Berlin

Zwei Reden, ein Widerspruch

Ein Aspekt ist mir noch deutlich in Erinnerung: Am Rathaus Schöneberg fiel ja nicht nur der berühmte Satz „Ich bin ein Berliner“. Hier war Kennedys zentrales Thema, dass jeder, der da glaube, man könne mit der Sowjetunion zu friedlicher Koexistenz gelangen, an die Mauer gehen müsse. Doch nach dem grandiosen Einzug auf dem Campus der Freien Universität hielt derselbe John F. Kennedy eine weitere Rede, in der er das genaue Gegenteil dessen beschwor, was er eine gute Stunde zuvor am Rathaus Schöneberg gesagt hatte: Wesentliches Ziel der Politik müsse sein, mit der Sowjetunion zu vertraglichen Regeln zu kommen, die ein friedliches Nebeneinander ermöglichten. Ich glaubte, meinen Ohren nicht trauen zu können, war bass erstaunt. Doch dann hatte ich zum ersten Mal begriffen, was Public Relations in der Politik sein kann.

Dietmar Schuffenhauer-Ender, damals Architekturstudent an der TU Berlin

Auf Kennedys Spuren in Irland

Ich war am 26. Juni 1963 als Student dabei, als Kennedy die Freie Universität besuchte. Am Abend noch flog er nach Irland; drei Tage später hielt er vor jubelnden Iren, die ihn als heimgekehrten Sohn ihres Landes begrüßten, in Galway an der Westküste eine sehr humorvolle und emotionale Rede. Ich hatte mich für das Wintersemester 1963/64 am University College Galway der National University of Ireland beworben. Am 28. Juni schrieb ich an den Präsidenten des College, ich hoffte, bald auf Kennedys Spuren von Berlin nach Galway zu kommen.

Ende September begann mein Semester. Am 22. November schrieb ich in mein Tagebuch: „Diese idiotische Welt!!! Da sitze ich gestern im Kino, schaue mir ‚Advise and Consent’ an, sehe im Film den amerikanischen Präsidenten sterben – und heute kommt so ein hergelaufener Idiot in Texas und erschießt Kennedy. Es ist abenteuerlich und bestürzend: Lincoln, Gandhi, Bernadotte – jetzt Kennedy. Und was ist mit Stalin, Hitler, Franco? Meine Zimmerwirtin weinte. Alles ist auf einmal aus den Fugen geraten, eine dumpfe Trauer liegt über Irland. John F. war für die Iren doch mehr als ein politischer Repräsentant der westlichen Welt. Er war ihr Sonnyboy, der tapfere, sympathische Sohn der Mother Ireland, und sie trauern um ihn wie um einen Sohn. Zur katholischen Gedenkmesse der Universität für Kennedy gehe ich als Protestant selbstverständlich auch hin, was macht es heute für einen Unterschied. Unter Tränen bemerkt meine Wirtin: ,Wart‘s ab, vielleicht wird ja aus Dir nun doch noch ein guter Katholik!‘“

Dr. med. Thomas Lennert, damals Medizinstudent an der Freien Universität Berlin

Farbe in die Stadt gebracht

Die Begeisterung war groß. Alle waren luftig gekleidet, und Kennedy sprach mit seiner markanten Stimme sehr direkt zu den Menschen. Ich hatte das Gefühl, auch ich sei gemeint – ich fühlte mich von ihm unmittelbar angesprochen. Sein Besuch hatte für mich angenehme Folgen. Als Kennedy das „graue Mauer-Berlin“ erlebte, meinte er, es müsse Farbe in diese Frontstadt hineingetragen werden und veranlasste die Ford Foundation, ein Künstlerprogramm zu finanzieren. 1965 bekam ich vom Presseamt des Senats den Auftrag, über dieses Programm ein Buch zusammenzustellen.

Gerd Conradt, damals Fotograf mit gerade abgeschlossener Ausbildung

Verständnis und Unverständnis

Ich teilte die Begeisterung damals nicht, zumal Kennedy Berlin erst knapp zwei Jahre nach dem Bau der Mauer besuchte. Ich habe von meinem Laboratorium aus den großen Menschenauflauf vor dem Henry-Ford-Bau und die Vorfahrt der „Staatskarossen“ beobachtet. Ich konnte damals zwar verstehen, dass die Berliner Bevölkerung hocherfreut darüber war, ihre „Freiheit“ – sprich: ihren Wohlstand – garantiert zu bekommen, doch ich habe mit Bedauern zur Kenntnis genommen, dass ihr das Schicksal der „Brüder und Schwestern in der Zone“ im Großen und Ganzen weit weniger wichtig war. Mir hingegen lag daran, meine Mutter und meine Schwester in Dresden besuchen zu können, was damals noch in sehr weite Ferne gerückt schien.

Prof. Dr. Joachim Portig, damals Mitarbeiter an einem Institut am Corrensplatz

„Medienwirksamer Haaransatz“

Als politisch sozialisierte West-Berlinerin war es selbstverständlich, dass ich bei diesem Ereignis dabei sein wollte. Im gerade vergangenen Wintersemester hatte uns der Publizistik-Professor Emil Dovifat den Blick geöffnet für die sich auftuenden Steuerungsmechanismen der damals „Neuen Medien“; er hatte uns neugierig gemacht auf diesen jungen Präsidenten, der sich in seiner Präsenz so wohltuend unterschied von den Politikern, die wir aus der Adenauer-Ära gewohnt waren und der – Dovifat zufolge – über einen so „medienwirksamen Haaransatz“ verfügte. Ich erinnere mich an die Stimmung unter uns Studenten: Da sprach einer, der uns irgendwie nah war. Und wenn ich rückblickend die Stimmung mit irgendeinem anderen politisch-kulturellen Ereignis im sommerlichen Berlin später vergleiche, dann fällt mir spontan die friedlich-fröhliche Stimmung vor dem Reichstag ein, als wir – Freunde, Kollegen, Familie – im Juni 1995 regelmäßig zum Reichstag „pilgerten“ und uns auf der Wiese davor niederließen, um bei der Verhüllung durch Christo dabei zu sein.

Sigrid Ebert, damals Psychologiestudentin an der Freien Universität Berlin

Besuch wie ein Fanal erlebt

Nach einem Jahr als Fulbright-Student an der University of Rochester, New York, hatte ich auf der Rückfahrt per Schiff den amerikanischen Fulbright-Studenten Jerry Danburg kennengelernt, der auf dem Weg nach Berlin war, um an der Freien Universität Quantenphysik zu studieren. In den USA hatte ich die Aufbruchsstimmung miterlebt und das Freiheitsideal, das durch John F. Kennedy verkörpert wurde. Jerry erlebte in Berlin die prekäre Insel-Situation, er konnte als Amerikaner durch die Mauer hindurch und half Menschen in Ost-Berlin, an Medikamente zu gelangen, die es wie vieles andere dort nicht gab. Als Kennedy nach Berlin kam, war es für uns wie ein Fanal. Wir wurden Teil der riesigen Menschenmenge, die Kennedy erleben wollte, wenn auch nur aus großer Entfernung. Es war eine große Solidarisierung zwischen der bewegten Menge und diesem Mann, der Selbstbewusstsein, Verpflichtung und Bekenntnis ausstrahlte, der die geistige Überlegenheit der Demokratie gegenüber dem mauerbauenden Pseudo-Sozialismus repräsentierte. In Dahlem, ausgehend vom Henry-Ford-Bau bis zu meinem Institut in der Thielallee, vibrierte es unter den Studenten vor Ergriffenheit von den Ideen und dem Mut, die die weithin hörbare Stimme Kennedys an diesem 26. Juni 1963 weckte.

Prof. Dr. Tom Sommerlatte, damals Student an der Freien Universität Berlin

Mit Kennedys Werten im Verhör

In der im Vergleich zum Schöneberger Rathaus ruhigen Atmosphäre vor dem Henry-Ford-Bau in Dahlem war ich fasziniert von diesem jungen, gut aussehenden Mann, der die alten Männer in der amerikanischen Politik abgelöst hatte. Er stand da mit dem alten Adenauer – für mich ein Symbol vergangener Zeiten – und dem jungen, gut aussehenden Willy Brandt – meine Hoffnung für die Zukunft. Kennedys Glaube an die Notwendigkeit der Zusammenarbeit der Großmächte mit dem Ziel, die feindseligen Beziehungen zum Besseren zu wenden, wirkte in der Zeit des Kalten Krieges in dieser Stadt Berlin geradezu elektrisierend. Zwei Tage später wollte ich mit Freunden „nach drüben“, um den Besuch Chruschtschows in „Berlin – Hauptstadt der DDR“ zu verfolgen, wurde aber von den Vopos daran gehindert, in ein Holzhäuschen geführt und verhört – Leibesvisitation inbegriffen. Nach stundenlangen Befragungen sollte ich erläutern, was Kennedy meint, wenn er von Freiheit spricht. Die Ungewissheit, wie dies wohl ausgehen würde, und die blanke Angst machten mich von Minute zu Minute aufmüpfiger, und so antwortete ich: „Wenn ich bei uns sage: ,Adenauer ist ein Vollidiot‘, werden viele empört sein, das als äußerst ungehörig und als ,Majestätsbeleidigung’ empfinden. Aber mir passiert nichts, weil es die Freiheit der Meinungsäußerung bei uns gibt. Wenn ich aber bei Ihnen sage: ,Ulbricht ist ein Vollidiot‘, komme ich in den Knast.“ Erstaunte Gegenfrage des Vopo: „Wieso in den Knast? Eher in die Psychiatrie.“ Dann nahm er mich wie ein verwirrtes Kleinkind an die Hand und „überstellte“ mich den westlichen Grenzkontrollen. So hat Kennedy mir mit seiner Rede von der Freiheit genau diese nach sechs Stunden Freiheitsentzug wieder gegeben.

Gisela Morel-Tiemann, damals Politologiestudentin an der Freien Universität Berlin

Kennedy hautnah

Ich, Neuberlinerin, war reichlich spät dran, musste eine riesige Menschenansammlung durchkämpfen. An die Rede selbst habe ich, ehrlich gesagt, kaum Erinnerungen. Endlich war ich vorn beim Rednerpult, da war schon fast alles vorbei. Durch die Menschenmassen wollte ich nicht zurück. Deshalb nahm ich eine Abkürzung, um schneller zur U-Bahn zu gelangen. Von Veranstaltungen her kannte ich einen kleinen seitlichen Eingang zum Audimax. Er war nicht verschlossen. Ich lief durch den großen leeren Saal bis ins Foyer. Zu meinem Erstaunen war niemand zu sehen. Doch dann sah ich drei gut gekleidete Anzugträger an der Seite stehen, ins Gespräch vertieft. Ich ging ein paar Schritte näher, hielt erschrocken-ehrfürchtig inne: Das waren in der Tat Konrad Adenauer, Willy Brandt und John F. Kennedy. Komisch, dachte ich noch, die stehen da ganz alleine herum – und verließ schnell den Ort. Nach dem Attentat auf Kennedy bekam die Erinnerung an diese flüchtige Randbegegnung nachträglich eine recht nachdenkliche Note.

Liselotte Ernst, damals Studentin an der Freien Universität Berlin

Authentischer Ort

Kennedy sprach natürlich Englisch. Eine Übersetzung war nicht nötig, denn wir alle sprachen und verstanden es hinreichend. Wir standen dicht gedrängt und applaudierten häufig. Buh-Rufe oder gar amerikafeindliche Plakate gab es nicht. Die Veranstaltung verlief auch ohne großes Polizeiaufgebot friedlich. Wenn mich heute Menschen aus dem Inland oder aus dem Ausland besuchen, fahre ich mit ihnen gern an authentische Orte deutscher Geschichte. Seit Jahrzehnten gehört der Henry-Ford-Bau mit seinem Vorplatz zur Boltzmannstraße hin dazu. Wenn ich dort bin, gehe ich die erforderlichen Schritte bis zu meinem lebensgeschichtlich authentischen Ort, zeige zum Henry-Ford-Bau und sage: „Am 26. Juni 1963 stand John F. Kennedy dort, und ich stand hier!“

Edmund Köhn, damals Wirtschafts- und Sozialwissenschaftsstudent

Besuch weckt politisches Interesse

Nach dem Mauerbau 1961 brachte uns der Präsident der USA vor allem Hoffnung nach West-Berlin, Hoffnung auf ein Leben in Freiheit. Er gewann die Herzen nicht nur der Berliner vor dem Schöneberger Rathaus, sondern auch der akademischen Jugend auf dem Campus der Freien Universität. Die studentischen „Unruhen“ auf dem Campus wenige Jahre später waren noch in weiter Ferne. Der Besuch von John F. Kennedy an der Freien Universität hat sicher mit dazu beigetragen, dass ich mich zunehmend für politische Fragen interessiert habe. Dass ich nach dem Fall der Mauer und der Wiedervereinigung in meiner Eigenschaft als Direktor des Instituts für Rechtsmedizin der Freien Universität Berlin einmal den Staatsratsvorsitzenden der DDR, Erich Honecker, im Hinblick auf seine Haft- und Verhandlungsfähigkeit zu begutachten hatte, hätte ich mir damals bestimmt nicht vorstellen können.

Prof. Dr. med. Dr. h. c. mult. Volkmar Schneider, damals Medizinstudent

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