Berlin : „Ich ziehe als Schulleiter den Hut“

Rektor der Bornholmer Grundschule lobt das umsichtige Verhalten der alleingelassenen Kinder

Susanne Vieth-Entus

Ratlosigkeit – das war auch am gestrigen Mittwoch wieder das vorherrschende Gefühl bei allen, die mit dem aktuellen Fall von Kindesvernachlässigung in Prenzlauer Berg zu tun haben. Weder in der Schule noch im Jugendamt wusste jemand zu sagen, was genau sich in den vergangenen Monaten in dem Haus in der Finnländischen Straße zugetragen hat. Auch die Frage, inwieweit sich die 46-jährige Mutter überhaupt noch um ihre vier Kinder im Alter von acht bis zwölf Jahren gekümmert hatte, blieb unbeantwortet.

„Das ist die strafrechtlich entscheidende Frage“, brachte es gestern Axel Biere vom Jugendamt auf den Punkt. Die ursprünglich kursierende Vermutung, wonach die Mutter fast ein Jahr lang kaum für ihre Kinder da gewesen sei, habe sich zwar „sehr relativiert“. Aber welche Entbehrungen die Kinder, die jetzt vorübergehend im Heim untergebracht sind, genau zu verkraften hatten, ist noch immer nicht geklärt.

Die Schule der vier Kinder, die Bornholmer Grundschule in der Ibsenstraße, versuchte gestern auf ihre Weise, diese schwierige Phase der Ungewissheit zu überbrücken: Auf der Internetseite wandte sich Schulleiter Jürgen Zipperling an Eltern, Lehrer und Kinder, um seine Sicht der Dinge darzulegen. Er bekräftigte, dass es keine „äußeren Anzeichen“ gegeben habe, die auf die Vernachlässigung gedeutet hätten. Die Kinder beschreibt er als „freundlich und liebenswert“. Dass sie die schwierige häusliche Situation ausgehalten hätten, versucht er damit zu erklären, dass es den Kindern um den „Schutz der Mutter“ gegangen sei und vielleicht auch darum, dem Heim zu entgehen. „Ich ziehe als Schulleiter vor dem Ältesten den Hut, der sich zusammen mit seiner größeren Schwester um alle anderen kümmerte, bis es nicht mehr ging“, schreibt Zipperlin auf der Internetseite weiter.

Wie lange die Kinder jetzt im Heim bleiben und nicht in die Schule gehen, steht noch nicht fest. „Das kann einige Wochen dauern“, betonte Biere. Zunächst muss genau geklärt werden, inwieweit eine Übereinkunft mit der Mutter zu erzielen ist. Sie hat jetzt erstmal die Aufgabe, die völlig verdreckte Wohnung in Ordnung zu bringen, wofür ihr auch etliche Spenden und „Unterstützungsangebote“ in Aussicht gestellt wurden. Wann sie damit beginnt, war gestern noch unklar. Jedenfalls wurde sie im Umfeld der Wohnung nicht gesehen.

In der Bornholmer Grundschule herrschte gestern Mittag eine geradezu idyllische Ruhe. Einige Eltern hatten noch gar nicht mitbekommen, was sich da in ihrer Umgebung abgespielt hatte. Andere wunderten sich und konnten sich keinen Reim auf das Geschehene machen: Immerhin sei die Mutter ja gerade noch in der vergangenen Woche da gewesen, um ihre ältere Tochter zur Klassenfahrt zu verabschieden. Wie das alles zusammen passt, wird jetzt zu klären sein.

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