Berlin : IFA 2001: E-Mails an der Wand

Marén Balkow

Sie kommen nach Hause, öffnen ihre Wohnungstür, das Licht schaltet sich ein. Auf dem kleinen Bildschirm neben der Tür erscheint ein netter Willkommensgruß und meldet zwei eingegangene E-Mails. Im Wohnzimmer fahren die Jalusien nach oben, es herrschen angenehme 20 Grad, die haben Sie vom Büro aus per Handy eingestellt. Der Fernseher geht an, Sie lesen ihre elektronische Post. Es klingelt. Sie drücken auf Kanal acht ihrer Fernbedienung und sehen, wer unten vor der Tür steht. Der Typ mit der Werbung. Der darf nicht rein - in die neue multimediale Wohnung.

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Der virtuelle Messerundgang I-home? Das sind Kühlschränke, die per Internet selber einkaufen gehen können, Lampen, die sich ohne Knopfdruck an- und ausschalten, E-Mails am Wandbildschirm, Klimaanlagen, die sich selbst bedienen - kurzum: das sind High-Tech-Häuser, die Leuten wie Bill Gates gehören. Aber was hat das alles mit dem Normalmieter von Zwei-Zimmer-Küche-Bad zu tun? "Multimediales Wohnen war eine Nische, die bisher nur von hochpreisigen Anbietern besetzt wurde", sagt Stibbe. "Da haben wir angesetzt. Unser System ist bezahlbar und damit auch einsetzbar im Mietwohnungen. Wir bauen den Käfer, nicht den Mercedes."

Das Berlin ist eine "Boomtown". Die Stadt expandiert an allen Ecken und Enden, baut höher, schöner und experimenteller, gibt sich weltstädtisch und aufgeschlossen. Doch das alles überzeugt den Urberliner nicht. Sein Kiez hat sich in den letzten Jahren irgendwie verändert - ihn hält hier gar nichts mehr, er zieht ins Brandenburger Umland oder gleich ganz woanders hin. Und die Wohnungsbaugesellschaften in Berlin kämpfen alle mit dem selben Problem - sie haben viel mehr Wohnungen anzubieten, als es Mieter gibt. Die Wohnungen müssen deshalb attraktiver gestaltet werden - das ist das naheliegende Rezept. Nur: Wie soll das gehen?

Für gute Ideen leisten sich die Wohnungsverwaltungen Männer wie Jörg Stibbe. Er ist Berater der DePfa IT Services BauConsult Berlin, ein Unternehmen, das betriebwirtschaftliche Lösungen rund um das Immobiliengeschäft anbietet, seine Kunden verwalten ein Drittel aller Wohnungen in Berlin. "Bisher hat man versucht, Wohnungskomplexe mit zusätzlichen Dienstleistungen zu bauen." Stibbe hat Beispiele parat: "Wir führen ihren Hund Gassi, waschen ihre Wäsche, liefern ihnen die Frühstücksbrötchen attraktiver zu gestalten. Unser Zauberwort heißt i-home, intelligentes Wohnen."

Ausgehend von den neuen Möglichkeiten der Breitbandtechnik haben der Wirtschaftsmathematiker und sein Team ein ganzheitliches System zum multimedialen Wohnen entwickelt, das digitale Medien, Gebäudesystemtechnik und das Internet miteinander verbindet. Herzstück der Anlage ist eine Technikbox, über die alle Anwendungen gesteuert werden. Das System ist eines der Highlights, die in diesem Jahr auf der Internationalen Funkausstellung (Ifa) ausgestellt werden. In Halle 9 am Stand 22 können sich Fachbesucher die Funktionen der kleinen, schlauen Technikbox demonstrieren lassen.

Die kleine Box wird in der Wohnung direkt neben der Wohnungstür installiert. Beim Verlassen der Wohnung kann der technikbegeisterte Mieter von hier aus das gesamte Licht löschen, die Heizung runter fahren oder kontrollieren, ob alle Fenster geschlossen sind. Beim Betreten der Wohnung erscheint auf dem Display eine kleine Meldung als Willkommensgruß. Darin ist zu lesen, ob E-Mails eingangen sind, die dann zum Lesen und beantworten auf den Fernseher geschickt werden können. Und auch vom Einkaufsbummel unterwegs kann der Besitzer einer Multimedia-Wohnung Verbindung zu seiner Technikbox aufnehmen. So ist es beispielsweise möglich, per Handy die Heizung einzuschalten oder - entsprechend der im Freien gefühlten Temperatur - nachzuregeln. Dann der Weg aufs Klo. Die Spülung rauscht, der Wasserverbrauch wird per Funk ans Wasserwerk gemeldet. Sie öffnen das Fenster, die Heizung stellt sich automatisch ab.

Dass der Traum vom bequemen, elektronik-gesteuertem Wohnen kein visionärer Prototyp in einem Modell für die Funkausstellung bleibt, dafür ist bereits gesorgt. Die Henningsdorfer Wohnungsbaugesellschaft will das System testen und das System in 14 neusanierten Wohnungen installieren. In der Praxis kann also alles funktionieren. Doch die entscheidende Frage können auch die Macher nicht beantworten: Wer braucht eigentlich in seinen vier Wänden noch eine Box in der Wohnung, die die Heizung von außen regelt? Und wer hat Lust im Fernsehsessel zu sitzen, und beim fußballgucken E-Mails zu verschicken?

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