Ifa : Wischen, Wedeln, Dröhnen
01.09.2012 00:00 UhrDer schlichte Knopfdruck wird durch Bewegungssteuerung ersetzt
Nicht zuletzt wegen derartiger Scheinneuheiten geht der Blick schließlich doch zur sogenannten „Smart Communication“, dahin, wo permanent die Welt neu gedacht wird, vernetzter, kleiner, praktischer. Was bleibt, so fragen sich überzeugte Kulturpessimisten ja seit langem, für den Menschen, wenn ihm Geräte ständig Zerstreuung bieten? Wird er dick und träge? Verkümmert die Fantasie? I wo, wer so was glaubt, hat noch nicht mit den – natürlich hauchdünnen – Messehostessen in der Kathedrale eines koreanischen Smartphone- und Tabletherstellers gesprochen. Auf ein simples „Worum geht’s hier?“ folgt eine wahrhaft poetische Übung für den Möglichkeitssinn: „Stellen wir uns vor, ich wäre in Australien und Sie wären mein Bruder hier in Deutschland...“ Wer da nicht Lust auf eine Technologie bekommt, die jedes Foto der Schwester sofort auf das Handy des Bruders überträgt, ist selbst schuld. Und wer – schlimmer noch – die pedantische Nachfrage stellt, was denn sei, wenn die Schwester nicht wolle, dass die Verwandtschaft alles zugespielt bekommt, was sie sich in australischen Nächten so zusammenfotografiert, der hat es verdient, dass die junge Frau flott zum nächsten fiktiven Familienmitglied übergeht.
Der Möglichkeitssinn wird indes auch dort gereizt, wo ein anderer großer Trend der letzten Jahre vorangetrieben wird: Die Ersetzung des bewährten Knopfdrucks durch aufwendige und – das lässt sich gut beobachten – zur Zeit noch reichlich dysfunktionale Sprach- oder Bewegungssteuerungen scheint bei den Herstellern technischer Geräte beschlossene Sache. Kaum ein Stand, wo niemand vor einem Bildschirm fuchtelt, wedelt oder rumbrüllt. Unwillkürlich denkt man an Szenen einer Ehe, in denen der Mann „Klappe zu!“ ruft und dann seiner Frau lange erklären muss, dass er den Kühlschrank und nicht sie meinte. Allein für diese Vorstellung lohnt sich der Ifa-Besuch.
Was aber bleibt sonst zu sagen, da in erster Linie die Trends der letzten Jahre bestätigt werden? Vielleicht ja, dass das Zusammenwachsen von allem mit allem und der Technik mit dem Menschen weiter voranschreitet. Vielleicht auch einfach, dass eine wichtige Innovation – eine 3D-Brille, die auch Brillenträger mit fettigem Nasenrücken ohne permanentes Nachjustieren tragen können – weiter auf sich warten lässt. Vielleicht aber auch nur, dass nicht alles, was Sinn ergibt, auch sinnvoll ist.



















