Berlin : Ihr habt es mir nicht leicht gemacht

Langsam kommt er an: Der Euro erzählt, wie er Berlin eingenommen hat

Eurem Euro

Ich bin ein Jahr in der Stadt und ein Hoffnungsträger. Ich war immer schon davon überzeugt, dass ich zu großen Erwartungen berechtige und noch ganz groß herauskomme. Ich möchte, weil ich heute zukunftsorientiert sein will, nicht über Vergangenes schreiben – obwohl mich da vieles verletzt hat. Ich fühle mich aber nach einem Jahr inzwischen zu groß, um kleinlich daran zu erinnern. Ich bin stark im Nehmen, im Einstecken und auch Austeilen. Ich bin, auf meine Art, ein Berliner geworden. Wobei ich aber nun nicht unbedingt das mit dem harten Kern und der weichen Schale gemeint haben will. Denn „weich“ gilt in meinen Kreisen, zu denen ich meinen grünen amerikanischen Freund zähle, als despektierlich. Nein, ich fühle mich durch und durch hart, gerade in den letzten Wochen stärker und stärker. War das der Anlass, mich um einen Beitrag zu bitten?

Ich bin als Neu-Berliner in den letzten Monaten mit der Stadt immer vertrauter geworden, und im neuen Jahr dürfte der letzte Hauch von Fremdheit endgültig verflogen sein. Jeder kennt mich, jeder hält mich in der Hand, dreht und wendet mich, nennt meinen Namen. Wir haben uns längst einander gewöhnt, auch wenn – machen wir uns nichts vor – Liebe auf den ersten Blick schöner gewesen wäre. An mir hat es nicht gelegen, ich finde mich, allein schon äußerlich betrachtet, bildschön. Aber ich hab’ mir anfangs gesagt, dass die Berliner nun mal besonders kritisch und wohl auch traditionsbewusst sind. Ich aber bin hart im Abwarten, um mein Prinzip hieß schon immer Hoffnung. Mein Selbstbewusstsein wuchs von Tag zu Tag, auch wenn die Leute noch lange von der verstoßenen guten alten Tante schwärmten, mit der ich, der junge Spund, leider immer wieder verglichen wurde.

Aber ich glaube, die Zeit ist nun langsam vorbei, und nächstes Jahr ist die Tante vergessen. Ehrlich: So ganz hab’ ich mich nicht daran gewöhnen können, dass die Berliner, oder zumindest sehr viele, immer noch in alte Zeiten umrechnen, als trauten sie mir nicht über den Weg. Hat nicht ein Kaufhaus kürzlich seine Kassen für den Nachlass der Tante geöffnet, so, als hätten sich die Zeiten nicht geändert? Ich schreibe hier als Hoffnungsträger, als Signal, das in die Zukunft weist, und deshalb kann ich mit dieser Nostalgie nichts anfangen. Sicher, ich bin befangen, aber es ist mein gutes Recht, hier und jetzt die Berliner zu bitten, sich endgültig vom alten Zopf zu trennen. Ich hoffe, dass sich dieser Wunsch 2003 erfüllt.

Pathos wollte ich vermeiden, keine Neujahrsansprache schreiben. Aber jetzt, wo ich ein Jahr alt werde, kommt doch so etwas wie Rührung auf. Ich habe die Berliner lieb gewonnen, kenne mich mittlerweile in ihren Portemonnaies und Brieftaschen aus und weiß nur zu genau, dass die meisten gern mehr von mir hätten und auch benötigten. Aber es gibt auch viele, die haben die Taschen und Konten bis obenhin voll von mir. Ich nenne keine Namen, weil meine Erkenntnisse unter das Bankgeheimnis fallen. Dass die Landeskasse leer ist, kann ich aber guten Gewissens bestätigen. An mir liegt es wirklich nicht, wenn die Berliner Politiker, ob sie nun das ganze Land oder die Stadt regieren, mit mir nicht wirtschaften können. Vielleicht bin ich ihnen noch immer zu fremd und sie rechnen mit falschen Zahlen oder sie können überhaupt gar nicht rechnen.

Ich will mich da nicht weiter einmischen, vielleicht bin ich dafür noch zu jung. Aber wenn ich an dieser Stelle schon von Hoffnung schreiben soll, dann auch von der Hoffnung, dass die, die mich brauchen, 2003 mehr von mir haben. Ich tu’ mein Bestes, glauben Sie mir. Ich will nicht unbescheiden sein, aber ich darf festhalten: Statistisch gesehen habe ich das Leben kaum teurer gemacht. Das gilt auch für Berlin. Dass mein Name dennoch hin und wieder durch einen einzigen Buchstaben verunstaltet wird, hat mich, nun ja, ein wenig verletzt. Aber ich glaube, dass ich 2003 Jahr das Schimpfwort nicht mehr so oft hören muss.

Ich wollte nicht nur von mir reden. Sonst könnten sie vielleicht glauben, ich sei egozentrisch, großmäulig, selbstgerecht und bei alledem auch noch empfindlich: Wenn dieser Eindruck entstanden sein sollte, tut es mir leid. Ich gehe allerdings entschieden selbstbewusster ins neue Jahr als 2002. Damals, als mich die meisten Berliner zunächst nur als Geist in der Starter-Tüte kennen gelernt hatten, traf mich Spott. Kinder dachten, ich sei aus Schokolade, Erwachsene wollten mich gar nicht erst genauer kennen lernen. Glauben Sie mir, es waren harte Zeiten. Heute bin ich den Berlinern zum Vertrauten – oder zum Freund? – geworden.Ich fühle mich, bei aller Bescheidenheit, eingebürgert, denn meine kleinen Brüder tragen das Brandenburger Tor stolz durch die Welt.

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