Berlin : Im Herbst wird die Havel zur Kloake

THOMAS LOY

Rund um die Havel ist badetechnisch alles im grünen Bereich: einwandfreie Wasserqualität, heißt es im Infodienst der Senatsverwaltung für Umwelt, und: "Die Gesundheitsverwaltung hat die Situation unter Kontrolle". Das stimmt - und auch wieder nicht. Denn kontrolliert wird nur im Sommer während der "Badesaison", die offiziell vom 15. Mai bis 15. September gilt. Wer vorher oder nachher am Großen Wannsee oder der Havel ins Wasser springt, macht das auf eigene Gefahr. Wie etwa 70 Segler, die am 25. Oktober 1998 an einer Regatta auf der Havel teilnahmen.

Bei stürmischem Wetter wurde schnell gesegelt, viel gekentert und Havelwasser geschluckt. Am nächsten Tag fanden sich mindestens 13 Jugendliche im Bett oder über der Kloschüssel wieder. Sie klagten über Fieber, Übelkeit und Schwindelgefühle. Ihre Eltern schöpften Verdacht und alarmierten die Gesundheitsämter. Zwei Hygieneexperten des Umweltbundesamtes untersuchten den Fall und kamen nun zu dem Schluß, daß mit hoher Wahrscheinlichkeit das keimbelastete Havelwasser die Ursache für die Erkrankungen war.

Die Havel wies im Oktober nach Messungen der Senatsverwaltung für Umwelt keineswegs Badewasserqualität auf. Dafür gibt es einen einfachen Grund: Das Klärwerk Ruhleben leitet seine Abwässer von Oktober bis März direkt in die Spree ein, von dort fließt es weiter in die Havel. Im Sommer wird das geklärte, aber immer noch mit Bakterien belastete Wasser über eine Pipeline in den Teltowkanal gepumpt.

Darunter leidet zwar die Kleine Wannseekette (hier empfiehlt die Gesundheitsverwaltung, nicht zu baden), aber die Havel und der Große Wannsee bleiben sauber. Die Wissenschaftler haben errechnet, daß zur Zeit der Regatta der Ruhleben-Abfluß rund zehn Prozent der gesamten Wassermenge an dieser Stelle der Havel ausmachte. Eine zusätzliche Belastung waren starke Regenfälle, die die Vorhaltebecken der Kanalisation zum Überlaufen brachten und mit Fäkalien stark belastete Abwässer in den Fluß spülten.

Der Berliner Segler-Verband fordert den Senat auf, das ganze Jahr hindurch für ausreichende Wasserqualität zu sorgen. Die Regatta-Termine im Herbst könnten nicht einfach verschoben werden, sagte Umweltobmann Wolfgang Hertel. Viele Wassersportler würden die Havelseen ohnehin das ganze Jahr über nutzen. Die Verwaltung von Umweltsenator Strieder kündigte inzwischen an, die Wasserbetriebe sukzessive zu verpflichten, die Badewasserrichtlinien ganzjährig einzuhalten.

Rein technisch könnte das Abwasser des Klärwerkes Ruhleben das ganze Jahr hindurch in den Teltowkanal gepumpt werden, aber dadurch entstünden hohe Wartungs- und Energiekosten, sagt Wasserwerke-Sprecher Stephan Natz. Der Umweltexperte der Grünen-Fraktion im Abgeordnetenhaus, Hartwig Berger, fordert eine Nachbehandlung der Ruhlebener Abwässer. Entweder durch eine vierte Reinigungsstufe oder eine Wiederbelebung der Rieselfelder. Sonst müsse damit gerechnet werden, daß "Berliner Wassersportler periodisch wie die Fliegen erkranken."

Das Landesamt für Arbeitsschutz, Gesundheitsschutz und technische Sicherheit (LAGetSi) überprüft während der Sommermonate alle 14 Tage die Badewasserqualität an den Berliner Seen. Die Ergebnisse können über das "Bädertelefon": 9021-5587 oder im Internet unter www.lagetsi.berlin.de abgerufen werden.

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