Berlin : Im Keller eine Kajüte

NAME

Von Hermann Rudolph

Am Anfang stutzten alle nur über den Bau, der neben der pulsierenden Ufer-Strasse am Landwehr-Kanal in das Grün des Tiergarten-Vorfeldes hineinwuchs – ein roter Quader, architektonisch durchaus jenseits der strengen Berliner Moderne angesiedelt. Inzwischen wissen es die meisten: es ist die Bremische Landesvertretung.

Seit vergangenem Frühjahr hat sie auch einen neuen Bevollmächtigten, der eine Bevollmächtigte ist – was an der Spitze von Landesvertretungen auch schon vorgekommen, aber nicht gerade die Regel ist. Das Besondere ist, dass Kerstin Kießler keine Bremerin ist. Dafür ist sie im politischen Berlin bestens bekannt, denn sie war die Sprecherin von Bundespräsident Johannes Rau. Hanseatin ist sie allerdings auch. Aber aus Hamburg.

Noch immer wirkt das Haus wie eine Landmarke am Anfang des alt-neuen Diplomatenviertels, erst recht wegen des Turmes, der ihm das Gesicht gibt – der Tagesspiegel-Kritiker verglich ihn schwärmerisch mit einem italienischen Geschlechterturm. Noch hat sich um die Vertretung herum auch etwas von dem Wildwuchs-Gelände gehalten, das einen Hauch von Berliner Nachkriegs-Romantik bewahrt.

Nicht mehr lange: Auf der einen Seite wird die Botschaft der Vereinigten Emirate entstehen, auf der anderen, zum Landwehrkanal hin, ein Bürohaus. Da bleibt Kerstin Kießler nur übrig, sinnend auf den Randstreifen vor dem Speisezimmer der Vertretung zu sehen, der sich langsam zur Müll-Ablage verwandelt. Denn der gehörte einmal Bremen, bis das Land ihn 1983 verkaufte. Zehn Jahre später kaufte es ihn zurück, teurer natürlich.

Zu der Umzugs-Übergangszeit, die langsam zu Ende geht, gehört auch, dass das kleine Bremen das große Nordrhein-Westfalen zur Untermiete hat – eine föderale Amtshilfe, bis das größte Bundesland seine Vertretung fertiggestellt hat. Wer daran den Eindruck knüpft, dass das Haus für den kleinen Stadtstaat zu groß sei, hat nur halb recht. Die Landesvertretung nutzt es nicht allein. Es soll eine Art Bremen-Zentrum sein – die Hafenbehörde hat hier schon ihre Berliner Filiale. Überhaupt wehrt sich Kerstin Kießler gegen den Eindruck, das kleine, finanziell klamme Bremen habe sich hier eine übergroße Vertretung geleistet. Grundstückskäufer und Bauherr ist eine landeseigene Beteiligungsgesellschaft. Die Landesvertretung wohnt zur Miete.

Dem Selbstbewusstsein des Stadtstaats, den das Haus ausstrahlt, tut das keinen Abtrag. Kaufmannsstolz und Seefahrtstradition gehen in seinem Inneren einen eindrucksvollen Bund ein. Das Maritime gibt den Grundton an: Schiffsmodelle satt, an den Wänden der Bremer Freihafen und Seestücke in Marine-Maler-Manier, die kleine, tief eingegrabene Terrasse im Zentrum des Gebäudes ist mit Muscheln ausgelegt und wird von einem gewaltigen Schiffs-Anker beherrscht. Und ungeachtet des großen Veranstaltungssaals und der anderen Räume und selbst des Kaminzimmers für intime Gespräche befindet sich das Herzstück des Hauses im Keller: die Kajüte.

Ja, das muss sein: mahagonigetäfelte Wände, messinggefasste Bullaugen, dazu natürlich Schiffsbilder und Schiffslampen an der Bar. Das Landsmannschaftliche verdichtet in Lokalkolorit und Stimmung, gespendet von der Bremer Wirtschaft. Hier enden die meisten Veranstaltungen, je später, desto zünftiger. Hier gehen die Wogen nordisch-bremischer Gemütlichkeit hoch, mit Schifferklavier und Absingen maritimer Lieder. Die Kajüte gab es übrigens schon in Bonn, wo sie einen legendären Ruf besaß. Stück für Stück ist sie dort abgebaut und in Berlin wieder aufgebaut worden. Stück für Stück? Nicht ganz: ein paar Handbreit mussten dazugetischlert werden. In Berlin ist eben alles ein bisschen größer.

Auch das Programm der Vertretung wäre nicht vorzustellen ohne landsmannschaftlich überstrahlte Ereignisse: also ohne das traditionelle Fischessen oder das Fest der Butenbremer – so heißen die Bremer, die außerhalb der Stadt leben. Aber, so Kerstin Kießler, so weit ist es mit der Folklore in Bremen auch nicht her und Shanty-Chöre kann man auch nicht immer anbieten. So werden die Berliner unter ihrer Ägide zum Beispiel davon erfahren, dass Bremen eine bedeutende Kunsthalle besitzt – ihre Gründerfigur Gustav Pauli gehört zu der gleichen Generation der Förderer der Moderne wie Tschudi in Berlin oder Lichtwark in Hamburg.

Die Berliner sind auf diese Aktivitäten gut vorbereitet. Denn Bremen gehörte neben den Bayern und Thüringer zu den ersten Länder, die in Berlin für sich warben. Seit 1991 gab es ein Büro in der Friedrichstraße. Und 1993 erfand ihr Leiter, der FDP-Politiker Horst-Jürgen Lahmann, die Roland-Runde, eine Gesprächs-Runde, genannt nach „Roland dem Riesen am Rathaus zu Bremen“, des ältesten, 1404 aufgestellten Wächters der Markt- und Stadtfreiheit. Erik Bettermann, als Bremischer Bevollmächtigte mit dem Umzug nach Berlin, hat sie fortgeführt, Kerstin Kießler sie übernommen. So hat die Bremer Vertretung etwas, was sonst keiner hat: eine Tradition, die erst in Berlin entstanden ist.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben