Berlin : Im Labyrinth der Tränen

Wo die DDR-„Organe“ bis zur Wende alles unter Kontrolle hatten: Ein Spaziergang durch die Gänge des Bahnhofs Friedrichstraße – sechzehn Jahre danach

Bernd Matthies

Wie erklärt man all jenen, die ihn nie gesehen haben, den Grenzübergang Friedrichstraße? Am besten als enges, streng nach Desinfektionsmitteln und Tunnelmuff riechendes Labyrinth, dessen Urheber damit akkurat eines zu vermeiden suchten: dass sich jemand auf eigene Faust zu orientieren vermochte. Überall Milchglas, schwere Türen, versperrte Durchgänge, Sichtblenden, Treppen, winklige Gänge. Die „Organe“ sollten alles sehen, die Zivilisten nichts. Möglicherweise verfügten höhere Stellen über ein Handbuch zur Gestaltung solcher Übergänge mit den Kapiteln „Erprobte Maßnahmen zur Verhinderung der Republikflucht“ und „Desorientierung imperialistischer Aggressoren“? So sah der Bahnhof jedenfalls aus. Er war die sixtinische Kapelle der sozialistischen Grenzarchitektur; die Stasi sprach vom „Ho-Tschi-Minh-Pfad“.

Trotz all dieser Vorkehrungen hat es der Zeichner Werner Kruse, „Robinson“, schon 1980 geschafft, nach zahlreichen Besuchen des Gebäudes auf der Grundlage seines fotografischen Gedächtnisses einen akkuraten Plan anzufertigen – dieses historische „Explorama“ zeigen wir hier. Es ist anzunehmen, dass dies nur eine Momentaufnahme war, denn der Bahnhof wurde mehrmals umgestaltet.

Eingeschlossen und ausgeliefert – wer sich so fühlte bei der Fahrt zur Friedrichstraße, der bestätigte die Logik dieser seltsamen Funktionsarchitektur. Die Anreise begann mit der Durchfahrt durch die gesperrten Bahnhöfe an der S- und U-Bahnstrecke, die als Geisterbahnhöfe verrufen waren. Staub, trübes Licht aus Neonröhren, daneben patrouillierende Grenzer, Statisten eines nie gedrehten Gruselfilms. Die U-Bahn musste ihr Tempo auf 25 km/h drosseln, die S-Bahn preschte mit vollem Tempo durch, weil die DDR ihren eigenen Fahrern wohl etwas mehr vertraute als den Dienstkräften der West-BVG. Was im Fall eines Brandes oder Unfalls passiert wäre – das mochte sich kein Fahrgast allzu genau vor Augen führen. Der Stopp auf dem Bahnhof Friedrichstraße war nach diesem Vorspiel eine Art Erholung, zumal dieser Bahnhof wegen der devisenträchtigen Intershops eine vage konsumfreundliche Stimmung auszustrahlen hatte.

Dann: Kontrollen. Die vermeintlichen Grenzsoldaten waren verkleidete StasiLeute, das wusste man oder auch nicht, es hatte auf die Stimmung keinen Einfluss. Bundesbürger oder „Bürger anderer Staaten“ erhielten ohne weitere Prozedur ein Tagesvisum, die Bürger der „besonderen politischen Einheit Westberlin“ hingegen mussten überdies einen „Berechtigungsschein zum Empfang eines Visums“ mitbringen, den sie sich zuvor im Westen in einem der Besucherbüros beschafft hatten. West-Berlin oder Bundesgebiet: Jeder Einreisende, sofern langhaarig, hatte zur Kontrolle das rechte oder linke Ohr freizumachen, und auch am Zwangsumtausch, dem „Mindestumtausch“ laut DDR-Terminologie, führte kein Weg vorbei. Dieses Eintrittsgeld war auch ein Problem der Rückreise, denn es durfte nicht ausgeführt, sondern musste ausgegeben werden – so entstanden Sammlungen aus den jeweils verfügbaren Amiga-Schallplatten oder kilometerlange Reihen der Werke von Marx und Engels.

Am Eingang des Bahnhofs auf Ost-Berliner Seite gründete der Mythos des „Tränenpalastes“: Die kahle Halle nördlich des Bahnhofs war der Ort, wo sich Berliner (Ost) und Berliner (West) mitunter tränenreich verabschiedeten. Diesen Bau gibt es immer noch; der Bahnhof selbst wurde bald nach der Wende komplett ausgehöhlt. Heute erinnert dort nichts mehr an das einstige Labyrinth.

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