Berlin : Im Namen der Ehre entführt, verstoßen und getötet

Expertinnen: Viele moslemische Frauen werden zwangsverheiratet, in der Ehe misshandelt und müssen bei einer Trennung um ihr Leben fürchten

Katja Füchsel

Die eigenen Väter, Brüder, Onkel oder Schwager zählen zu den Peinigern. Sie sperren ihre Opfer im Namen der Ehre ein, die Frauen werden misshandelt, entführt, verstoßen – oder sogar getötet. Wie beispielsweise die 26-jährige Türkin, die einen deutschen Mann liebte. Fünf Mal hatte ihr 19-jähriger Bruder Anfang März zugestochen, die Frau verblutete in ihrer Treptower Wohnung. Wie viele moslemische Frauen in Berlin jedes Jahr im Namen der Ehre umgebracht werden, ist nicht bekannt, weil die Taten oft als Familientragödien oder Eifersuchtsdrama tituliert werden. Experten gehen allerdings von einem „erheblichen Dunkelfeld“ aus. „Es gibt unter anderem Hinweise darauf, dass das potenzielle Opfer im Vorfeld einer Tat außer Landes gebracht wird“, heißt es bei Papatya, einer Krisenunterkunft für Mädchen und junge Frauen türkischer Herkunft.

In über 14 Ländern zählen so genannte Ehrenmorde zur Tagesordnung. Das gilt laut Terre des Femmes vor allem für moslemische Kulturen wie der Türkei, aber zunehmend auch für Migrantenfamilien in Deutschland. Mit einer noch höheren Dunkelziffer wird bei Misshandlungen und Zwangsehen gerechnet. Mit den Tätern werde in Deutschland oft vergleichsweise milde verfahren, sagt Dagmar König vom Landesfrauenrat. „Man kann nicht alles mit kulturellen Unterschieden erklären und verschleiern.“ Am kommenden Montag organisiert der Landesfrauenrat gemeinsam mit Terre des Femmes eine Tagung zum Thema „Verbrechen im Namen der Ehre“.

Da auf Zahlen kaum zurückgegriffen werden kann, ist man auch bei der Tagung auf die Erfahrung von Experten angewiesen. „Die Eltern drohen sehr oft mit Mord und Totschlag – manchmal ist das aber nur dahingesagt“, heißt es bei Papatya. In anderen Fällen liege eindeutig eine Gefährdung vor. Es komme auch immer wieder vor, dass eine junge Frau die Stadt verlassen oder sogar ihre Identität ändern müsse.

Ein Großteil der Mädchen wende sich an Papatya, weil sie in der Familie misshandelt werden. Etwa 30 Prozent der hilfesuchenden Frauen sollen nach muslimischem Recht zwangsverheiratet werden. „Deshalb betrifft das auch schon 15-Jährige“, sagt eine Mitarbeiterin. Die Frauen kämen in der Regel aus „Multi-Problem-Familien“, in denen Arbeitslosigkeit, Alkoholismus und Missbrauchserfahrungen zum Alltag gehören. Wenn dann die Frauen versuchen auszubrechen, gerate bei moslemischen Familien die Ehrverletzung in den Vordergrund. „Oft haben die Väter und Brüder nichts anderes, womit sie ihr Selbstwertgefühl hochhalten können“, sagt die Papatya-Mitarbeiterin.

Auch Heirat wird in moslemischen Familien oft mit der Ehre verbunden. Berlin hat bisher als einziges Bundesland Zahlen zur Zwangsheirat erhoben: Bei einer Umfrage des Senats in mehr als 50 Jugend- und Beratungseinrichtungen kam heraus, dass im Jahre 2002 rund 230 Fälle von Zwangsverheiratung aktenkundig wurden.

Bei einer früheren Befragung im Virchow-Klinikum gab etwa ein Viertel der türkischen Frauen an, ihren Ehemann nicht selbst ausgesucht zu haben. Nach Schätzungen des Vereins Terre des Femmes holt sich in Berlin etwa jeder zweite Jugendliche seinen Ehepartner aus der Heimat der Eltern oder Großeltern. In schlimmen Fällen wird auch mit Druck und Gewalt gearbeitet; manchmal werden Frauen sogar durch Vergewaltigung zur Heirat gezwungen.

Derzeit liegt dem Bundesrat ein Gesetzesentwurf aus Baden-Württemberg vor, der Zwangsheirat unter Strafe stellen will. Am kommenden Mittwoch ist im Berliner Abgeordnetenhaus eine Anhörung zum Thema geplant, zu der auch der Integrationsbeauftragte Günter Piening als Experte geladen ist. Nach Ansicht von Piening hat der Gesetzesvorschlag aus Baden-Württemberg ein entscheidendes Manko: „Der Schutz der Frauen muss in den Mittelpunkt gestellt werden.“ Bislang seien aber moslemische Frauen, die aus einer Gewaltehe aussteigen, oft anschließend von der Abschiebung bedroht. „Da muss eine Härtefallregelung greifen“, sagt Günter Piening.

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