Berlin : Im Sommer will er wieder laufen können

Thiemo K. wurde vor die U-Bahn gestoßen und verlor beide Unterschenkel. Nun versucht er, sich in sein neues Leben einzufinden

Stefan Jacobs

Sie kommen gerade aus dem Baumarkt. Thiemo K. sitzt noch im Taxi, während seine Freundin Jessica die Klappkiste voll bunter Blumen vors Haus schleppt. Der Taxifahrer fädelt den Rollstuhl aus dem Kofferraum. Thiemo schwingt sich aus dem Auto in den Stuhl und rollt ums Haus herum zur Terrasse. Dort muss er nur über die Schwelle, das schafft er allein. Die beiden Stufen vor der Haustür sind ein Hindernis, das er nur mit fremder Hilfe überwinden kann. Das Wohnzimmer hat Fenster nach zwei Seiten. Erst vor zwei Wochen sind Thiemo, 22, und die 18-jährige Jessica mit ihrem einjährigen Töchterchen Chantal hierher nach Rudow gezogen. Die Sonne scheint auf den Couchtisch, wo das Blatt von der Staatsanwaltschaft liegt. Es ist die Anklage gegen Waldemar O., 32 Jahre alt und zurzeit in Untersuchungshaft. Wegen versuchten Mordes an Thiemo K.

„Hat auch im Juli Geburtstag, wie ich“, sagt Thiemo. Und dann, mehr zu sich selbst: „Genau zehn Jahre älter. Das Arschloch.“ Dann schaut er schweigend aus dem Fenster. Im Garten trällern die Vögel, die Hecke grünt, das bunte Plastikwägelchen von Chantal leuchtet in der Abendsonne. Thiemo balanciert gedankenverloren auf den Hinterrädern. Er ist geschickt. Früher war er Rettungsschwimmer, und Taucher. Jessica hat es nur einmal versucht und ist prompt nach hinten übergekippt. Nach einer Weile sagt er zu ihr: „Wir müssen die Blumen noch einbuddeln, bevor es dunkel wird.“

Er war auf dem Heimweg von seiner Ausbildung in einem Neuköllner Elektrogeschäft, als am 16. Dezember der vorbestrafte Gewalttäter Waldemar O. auf dem U-Bahnhof Zwickauer Damm erst wirr auf Thiemo K. einredet und ihn dann plötzlich vor den einfahrenden Zug stößt. Nach zwei Tagen ist Thiemo außer Lebensgefahr, zu Weihnachten kommt Jessica mit Verlobungsringen in die Klinik, nach drei Monaten darf er das Krankenhaus verlassen. Von seinen Beinen sind nur die Oberschenkel übrig.

Eine Prothese passt schon, an der anderen arbeiten die Mediziner noch. Jeden Morgen um 6.45 Uhr holt der Krankenwagen Thiemo ab. Fitnesstraining, Gangtraining, Rollstuhltraining, Prothesensprechstunde, Schwimmen. Nachmittags kommt Thiemo erschöpft nach Hause, raucht gemütlich oder setzt sich auf die Wiese, um im Garten zu wursteln. Im Sommer will er wieder laufen können.

„Der Garten hier ist klasse“, sagt er. „Da kümmere ich mich gern drum. Ich brauche meine eigenen Tomaten und so.“ Sie wollten schon lange aus dem Plattenbau nahe dem Flughafen Schönefeld wegziehen. Dort musste man über eine Treppe zum Fahrstuhl. Finanziell sind die beiden vorerst gerettet: Berliner spendeten über hunderttausend Euro und Ende Mai soll der behindertengerecht umgebaute Golf vor der Tür stehen, den der Unternehmer Hans Wall gestiftet hat. Außerdem hat Wall Thiemo eine Arbeit angeboten. „Irgendwas Kaufmännisches, mal sehen. Der Mann ist nicht nur sympathisch, der ist großartig“, sagt Thiemo.

Seine Geschichte kennt fast jeder. „Selbst vorhin im Baumarkt wurden wir angesprochen“, sagt er. „Ich find’ das cool.“ Bist du das?, fragen die Leute so freundlich wie möglich, den Schreck im Gesicht. Jessica lächelt süßsauer: „Mich stört der Rummel manchmal.“ Sie sagt, dass sie sich schnell an die neue Situation gewöhnt hat. In ihrer Beziehung habe sich „eigentlich nicht viel“ verändert. „Von meinen ganzen Freunden sind noch zwei übrig“, sagt Thiemo. Die haben sich im Krankenhaus gemeldet, um zu sagen, wie froh sie sind, dass er noch lebt. Von den anderen hat er nichts wieder gehört.

Thiemo schaut noch mal auf den Zettel von der Staatsanwaltschaft und sagt: „Vielleicht gehe ich ja doch zum Prozess. Einfach um zu sehen, wie der Typ im Gitterkäfig sitzt und in Handschellen abgeführt wird. Vielleicht hilft meine Anwesenheit auch, dass er zur Höchststrafe verurteilt wird.“ Thiemo diskutiert mit seiner Verlobten, ob sie ihm lieber lebenslange Haft oder Einweisung in die Psychiatrie wünschen sollen. „Hauptsache, er kommt nicht wieder raus“, sagt Thiemo. Dann wendet er sich an Jessica: „Komm, lass uns in den Garten gehen.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar