Berlin : Im Untergrund verwurzelt

Die letzte Stele des Holocaust-Mahnmals wird Mittwoch gesetzt – darunter wird an 15 Familien erinnert

Claudia Keller

Dagmar von Wilcken bringt Betonstelen zum Reden. Wie sie das macht, kann man erahnen, wenn man sie zwischen Betonträgern, Stahlgerüsten und Kabeln am „Ort der Information“ in der südöstlichen Ecke des Holocaust-Mahnmals besucht. Vorausgesetzt, man findet sie. Am Mittwoch wird auf dem 19000 Quadratmeter großen Areal an der Ebertstraße, gegenüber vom Tiergarten, die letzte der über 2700 Stelen aufgestellt. Danach rückt Dagmar von Wilckens Arbeit in den Mittelpunkt: Sie gestaltet eine Ausstellung, die unterirdisch dokumentiert, was die Stelen oberirdisch abstrakt ausdrücken sollen: die Ermordung von sechs Millionen europäischen Juden.

Kommt man von der Ebertstraße, so schweifen die Augen über ein Meer aus grauen Betonquadern. Kein Schild weist den Weg zum Dokumentationszentrum. Irgendwo weit hinten scheint ein Betonquader breiter zu sein als die zweitausend anderen. „Das ist der Fahrstuhl, daran können Sie sich orientieren“, hatte Dagmar von Wilcken der Besucherin mit auf den Weg gegeben. Läuft man dann zwischen den Stelen hindurch, der Welle im Boden folgend, ins Tal hinunter und wieder hinauf, verliert man den Fahrstuhl schnell aus den Augen. Wenn man dann doch vor ihm steht, ist man noch lange nicht bei den Treppen, die zur Ausstellungsmacherin hinabführen. Denn überall wuchern Stelen, auch auf der Decke des Dokumentationsortes und auf der Eingangstreppe.

Dass der Ort der Information nicht einfach zu finden ist, gehört zum Konzept. Man will vermeiden, dass sich die Besucher um die Stelen herummogeln, direkt in die Ausstellung gehen und das Gelände wieder verlassen. Stattdessen soll jeder erst mal die Beklemmung zwischen den Stelen erfahren und das diffuse Gefühl von Unendlichkeit oder was auch immer ihm die grauen, zum Teil riesig hohen Quader an Empfindungen eingeben.

An diese Erfahrung will von Wilcken anknüpfen und sie mit Leben füllen. Mit dem von Familie David zum Beispiel. Die Ausstellungsmacherin kniet auf dem unterirdischen Ausstellungsgelände gerade im „Raum der Familien“ vor einem 2,38 mal 0,95 Meter großen Kubus, der von der Decke herunterragt. Über der Decke steht genau an dieser Stelle eine Betonstele. Der Kubus, ein mit Holzfaserplatten verkleideter Stahlkäfig, hat die Maße der Stele und verlängert sie quasi nach unten. Aus dem Kubus sind an verschiedenen Stellen Rechtecke ausgeschnitten, hinter die von Wilcken nun große Dias schiebt und Folien mit schwarzer Schrift auf unterschiedlichen Orangetönen. Der Raum ist dunkel, im Kubus strahlt ein Licht und beleuchtet die Exponate von innen. Auf den Dias sieht man Familie David um einen Tisch sitzen, die Textfolie erklärt, dass sie aus Rumänien kam, wie viele Kinder sie hat und wo sie umgebracht wurde.

Die vier Historiker der Denkmalstiftung haben aus den 3,5 Millionen Biografien, die in der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem dokumentiert sind, 15 Familien aus unterschiedlichen Ländern und sozialen Schichten ausgewählt, die in diesem Raum die Bandbreite der Opfer andeuten sollen. Durch die persönlichen Schicksale werden die Besucher sensibel für das Elend, das die Nazis millionenfach verursacht haben, hofft die Ausstellungsmacherin. Texttafeln soll es nur im Eingangsfoyer geben. „Man kann etwas nicht nur über die Vernunft begreifen, die Gefühle öffnen den Weg zur Vernunft.“

Vom Eingangsfoyer führt der Rundgang in einen Raum, in dem viele Kabel aus dem Boden ragen. Hier werden bald leuchtende Bodenplatten installiert, auf denen faksimilierte, von den Opfern selbst geschriebene Texte aus den Konzentrationslagern zu lesen sind. „Wenn man nach unten schaut, geht der Blick ins eigene Innere“, sagt von Wilcken. Wenn man spazieren gehe und nachdenke, schaue man auch zu Boden. Zwei Jahre lang sei in der Denkmalsstiftung über diese Bodeninstallation gestritten worden. Holocaust-Überlebende fürchteten, dass Besucher auf die Platten und damit symbolisch auf die Opfer treten könnten.

In einem anderen Raum, so sieht man es auf einem Modell, leuchten an den Wänden Namen auf. Über Lautsprecher wird man hier das Schicksal der Ermordeten hören. Mit welchen Mitteln man welche Stimmungen erzeugen kann, hat die 46-Jährige an der Hochschule der Künste gelernt, wo sie visuelle Kommunikation studierte. Lange habe sie nachgedacht, wie man verdeutlichen kann, dass die wenigen Schicksale, die auf den 800 unterirdischen Quadratmetern dokumentiert werden, exemplarisch für so viele andere stehen. Im Raum der Familien symbolisieren das jetzt Kuben, die in der Wand verschwinden und sozusagen die Dimensionen des Raumes sprengen. In einem anderen Raum stellen sieben Monitore die Verbindung her mit den 3,5 Millionen Schicksalen in Yad Vashem. Über die Monitore kann man Opfer suchen oder aber Namen von Menschen dazufügen, von denen man weiß, dass sie ermordet wurden. „Ich bin froh, dass ich daran mitarbeiten kann, dass dieses grauenhafte Elend nicht vergessen wird“, sagt von Wilcken. Und fügt lächelnd hinzu: „Wenn gar niemand hier runterfindet, müssen wir doch noch mal über Wegweiser nachdenken.“

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