Berlin : In 24 Filmen um die Welt

Die Berlinale neigt sich dem Ende zu, aber die Kinos sind so voll wie am ersten Tag. Es sitzen nicht nur Junkies drin

Marc Neller

Ein bisschen sieht Peter B. heute aus wie sein eigener Patient, so wie er in der Warteschlange im Foyer der Potsdamer Platz Arkaden um Kinokarten ansteht: wächsernes Gesicht, und in den Höhlen um die rotrandigen Augen nisten dunkle Schatten. Dabei hat er zwei Wochen Urlaub genommen von seinem normalen Leben. In dem ist er 41 Jahre alt und Arzt für Innere Medizin in Berlin.

Zu diesem Urlaub gehören „zwei bis vier Filme von unbekannten Regisseuren und Hong-Kong-Filme mit knalligen Bildern und fettem Sound“, die er täglich auf der Berlinale sieht – und dass er seinen vollen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Wegen der Kollegen? Ein angedeutetes Nicken. Versteht nicht jeder, warum jemand das Kino als Verhikel für eine Weltreise wählt und wie man den seit Tagen schiefergrauen Himmel über der Stadt „kaum wahrnimmt“.

Ein Kino-Junkie könnte man denken, einer der üblichen Verdächtigen. Künstlertyp, mit offenem Kurzmantel, abgetragener Cordhose, Schal, Beuys-Hut. Sein Blick eilt durch die mit Kugelschreiber präparierten Seiten seines Programmhefts.

So beachtlich sein Berlinale-Pensum sein mag, eine Ausnahme ist B. nicht. „Zwölf, dreizehn Filme habe ich in diesem Jahr bisher gesehen“, sagt Urte Papprotté. „Mindestens.“ Wenn die Berlinale am Sonntag endet, werden es zwei Dutzend oder ein paar mehr gewesen sein. Seit über zehn Jahren richtet sich die 62-Jährige Berlinerin für zwei Wochen in den Nischen des Berlinale-Programms ein. „Die Sachen, die ich mir ansehe, sind alle aus dem Bereich Junges Forum.“ Weil man die sonst kaum zu sehen bekomme. „Das ist mein Vorfrühling. Nach der Berlinale überstehe ich den Rest des Winters viel besser.“ Was sie noch sehen will? Sie schüttelt den Kopf, lächelt und nestelt zwei handbeschriebene DIN-A4-Seiten aus dem Programmheft hervor, die sie ihren „strategischen Plan“ nennt. „Memories in Rain“ ist dick markiert, ein südafrikanischer Film über die unendliche Mühe, die es kostet, einem Unrechtsstaat zu widerstehen und den jahrelangen Verzicht auf Heimat. „Der hat mir wirklich imponiert.“

Bis vor ein paar Jahren, als sie noch Kunsttherapeutin war, hat Urte Papprótté in der Berlinale-Zeit Urlaub genommen. Wie Peter B. Und wie dieser sagt sie, dass die Promis sie nicht interessieren und dass sich nicht als Kino-Junkie sieht. Sie gehe in 50 Wochen des Jahres nicht übermäßig oft ins Kino. „Manchmal mehrmals in wenigen Tagen, dann Monate lang nicht.“ Urte Papprótté ist alleine gekommen, wie meistens. Die Freunde und Bekannten haben nachmittags keine Zeit. „In diesem Jahr“, sagt sie, „kommt man hier nicht so gut ins Gespräch. Die Leute wirken angespannter.“

Gerd Schneider hat diesen Vergleich nicht. Sein erster Berlinale-Auftritt ist gerade eine halbe Stunde alt. Dass er künftig jedes Jahr kommen wird, „steht aber schon fest“. Vor zwei Stunden kam er mit dem Zug aus Düsseldorf und hat „nur meine Sachen zu einem Bekannten gebracht, der in Mitte wohnt“. Den Rest der Woche wird der 63-Jährige den Kleiderschrank mit Bett in Mitte hin und wieder aufsuchen, mit dessen Besitzer ein paar freundschaftliche Gespräche führen. Und dann zurück ins Kino, so viele Filme wie möglich sehen. Am liebsten Wettbewerbsfilme.

Gerd Schneider hat keine Zeit zu verschenken. Jetzt, als Rentner, will er groß einsteigen. Venedig und Cannes sollen es sein, „die großen Filmfeste eben“. Wahrscheinlich reist er solo. Seine Frau teilt die Leidenschaft ihres Gatten für Filme, aber nicht seinen Geschmack. Er mag Woddy Allen und Beziehungsfilme mit Tiefgang, sie Julia Roberts.

Peter B. und Urte Papprótté kehren in der nächsten Woche in ihr normales Leben zurück. Und Gerd Schneider muss bis Venedig und Cannes noch etwas Zeit überbrücken.

Nächste Woche läuft auf der 12-Quadratmeter-Leinwand seines Heimkinos ein Streifen mit einem Titel „Dem Himmel so fern“, der eine Art Motto der Berlinale-Fans ist: Draußen genehmigt sich das Wetter seine Kapriolen. Und man nimmt es kaum wahr.

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