• In diesem Jahr dreht sich alles um Odessa, einstmals die exotische Metropole schlechthin in Russland

Berlin : In diesem Jahr dreht sich alles um Odessa, einstmals die exotische Metropole schlechthin in Russland

Thomas Lackmann

Zahlreiche Veranstaltungen beschäftigen sich mit der Stadt am schwarzen Meer, ihren Legenden und ihrer Vergangenheit als europäischer Schmelztigel der ReligionenThomas Lackmann

Hoch unterm Baldachin der Stadt, wo das Antennengestrüpp auf der Abdeckung des achtzehnten Stockwerks den Himmel tragen muss wie einst der Riese Atlas das antike Firmament, ist die Teerbeschichtung des Wolkenkratzers weich geworden. Am Eingang des Hauses huschte noch eine respektable Ratte vorbei. Der rumpelnde Zeitlupen-Aufzug umschloss beim Aufstieg seine Personenfracht wie eine klaustrophobische Zelle, die Stockwerkknöpfe knallten mit kurzschlussähnlichen Krachern heraus aus der Armatur. Der Gang war ein Schlachtfeld: roher Beton, freiliegende Leitungen, Eisentüren. Vor der Tür zum Dach lag ein Fledermausgerippe. Oben aber, draußen, spannt sich bis übers Schwarze Meer Odessas Firmament. Vor dem Meer, nahe dem Horizont, liegt der Baumteppich alter Alleen und ehemaliger Villenviertel ausgebreitet. Dann beginnen klotzige Mietskasernen der 50er Jahre und schließlich diese Trabantenstadt, eine von jenen vielen Trabantenstädten, die um keinen Fixstern mehr kreisen. Aus der Siedlungsmitte ragen zwei gewaltige Schlote empor, denn das Quartier hat sein eigenes Kraftwerk; die Dimension und Nähe der Schornsteine im Schoß der Wohntürme markiert den ganzen Bezirk als Menschenfabrik. Menschen freilich sind von hier oben kaum zu erkennen. Die Straßen zwischen den Blockgebirgen ziehen sich monumental zur nächsten Schlafstadt. Landeinwärts grenzt das Viertel an einen riesigen Friedhof, der nach 30 Jahren vollgestorben war. Daneben Zypressen, dahinter gelbe Felder, dann schließt sich der hellblaue Horizont.

Der Baldachin stürzt nicht ein, die Hochhaussäulen halten vorerst; jene Gründerzeiten, in denen diese Stadt nur zweistöckig, dann höchstens dreistöckig zu bauen wagte, wegen ihres Brösel-Untergrunds von Muschelkalk, jene Nachkriegszeiten, in denen man sich höchstens fünfstöckig, dann achtstöckig traute, sind passé. Vor wenigen Jahren noch galt als Odessas höchster Punkt die erste Kellertreppenstufe des KGB-Komplexes in der alten Jüdischen Straße, denn "wer dort steht, kann bereits Sibirien sehen". Heute ist Sibirien Ausland, gleichwohl residiert nun der ukrainische Geheimdienst in dem Areal; weil es ja Unruhestifter, die an Fundamenten der Ordnung rütteln, zu allen Zeiten geben muss. Auch der Himmelsträger Atlas, entsprungen der griechischen Mythologie, aus der die gebildeten Erbauer Odessas sich so gern mit Namen und Bildern bedient haben, war wohl ein solcher Querkopf: Bruder des rebellischen Prometheus, Teilnehmer am Titanenkampf gegen die Götter, deshalb zur Gulagstrafe ans westliche Weltende verbannt, um dort das Firmament zu tragen. Die berühmteste Skulptur der Stadt zeigt ihn bei dieser Strafarbeit, sie ist als Erkennungszeichen für den Emigrantenverbund "Worldwide Club of Odessites" universal verbreitet. Die Vorlage des Stickers stützt den Erker eines prächtigen Hauses in der Gogolstraße, die das Juwel der historischen Bürgerstadt darstellt. Der starke Atlas ist dort in dem Moment zu sehen, als er von einem anderen Muskelprotz, dem Halbgott Herakles, übertölpelt wird: Der hatte an des Riesen Stelle das Himmelszelt gestemmt und versprach, es künftig weiterzutragen - erbat sich eine Verschnaufpause, gab die kosmische Bürde an den tumben Giganten zurück und machte sich aus dem Staub. Was in der herrlichen Gogolstraße aussieht wie ein Kraftakt der Solidarität, ist nur das Ende eines olympischen Gaunerstücks.

Wenn 1999 in den Parks zwischen der Altstadt und dem Strandbezirk Arkadia die Gangs der wilden Rüden heulen, weil sie eine läufige Hündin entdecken oder überm Schwarzen Meer den saftigen Vollmond, dann klingt ihr schauriger Chorgesang so, als sei die ruhmreiche Geschichte der Finanz- und Kultur- und Luxusmetropole ein flüchtiges Zwischenspiel gewesen. Odessas vier Städte erzählen vom Aufstieg und Abgang eines kühnen Projekts der Zivilisation, das man Moderne nannte.

Die erste Stadt war, noch umfangen von den Koordinaten des Gottesgnadentums, der Ort für die neue Idee vom Streben des Einzelnen nach persönlichem Glück. Das Paradies der bürgerlichen Emanzipation! "Völkeremporium" der Kulturen, Drehscheibe der Kontinente. Zur Stadt Nummer Eins gehörte ihr erstes Börsengebäude, das heute als Rathaus dient, gebaut von 1829 bis 34 auf der Meerespromenade, die schönste Börse der Welt: sakralisiert durch die Säulenfront eines Tempels, bewacht rechts und links von Hermes, dem Business-Gott, und Demeter, der Fruchtbarkeitsgöttin, die kein Füllhorn trägt, aber - Odessas Göttinnen sind nicht zimperlich - eine Brust entblößt. Aus der Stadt Nummer Eins operierten Befreiungsbewegungen der Griechen und der Bulgaren, hier entstand der erste Arbeiterverband des Russischen Reiches. Sie stand für den Glauben an unbeschränkte Machbarkeit, für den Traum des Individuums von der Unendlichkeit seiner unsterblichen Pläne. Hier stieß der Traum an Grenzen, als man in breite Straßen eine zweite Häuserzeile einzog, als die Vermessung und Vermarktung der unendlichen Vision begann.

Die zweite Stadt, die Moldavanka der kleinen Leute, stand für den Preis der Freiheit: bestimmt, jene zu beherbergen, die im Paradies keinen Raum fanden, aber zu seinem Gelingen beitrugen. Sie zehrte, ein besserer Ort als andere Slums ihrer Zeit, vom Licht der ersten Stadt und lag in ihrem Schatten. Sie markierte die Zwiespältigkeit des unendlichen Ideals, definierte seine Grenzen. Sicherte, eine Zeit lang, seinen Bestand.

Die dritte Stadt war die Katakombenstadt in den Kalksteinbrüchen. Sie repräsentierte das Vakuum unter dem babylonischen Turm der Wunderkapitale: Geheimnisse und Verdrängungen. Im Untergrund nisteten Feinde, Außenseiter, Schmarotzer des Systems Odessa, Verbrecher und Obdachlose; hier versammelten sich Freimaurer und Revolutionäre. Zur Zeit des Totalitarismus aber, als das Projekt der bürgerlichen Freiheit sich zuspitzte und umschlug in den Anspruch des Staatskollektivs auf alle Lebensbereiche, symbolisierte der Widerstand aus dem Bauch der Stadt den letzten Fluchtraum - das Ende des Experiments einer offenen Gesellschaft. Die Partisanen in Odessas Katakomben bekämpften zwar den Totalitarismus der Nationalsozialisten, doch ist bis heute umstritten sie, ob sie von Deutschen erschossen wurden oder durch Smersch, eine Sondereinheit der Roten Armee.

Die vierte Stadt ist die Trabantenstadt, Odessas Gegenwart und Zukunft: die Nivellierung seiner urbanen Physiognomie. Und doch eine Fortsetzung der klassischen Traumstadt - mit beschränkten Mitteln. Aus Liberté, Fraternité wurde Gleichmacherei, aus dem individuellen Glücksstreben das Programm der egalitären Versorgung für alle. Weil Unterschiede schwer auszuhalten, für immer mehr Menschen nicht zu finanzieren waren, entstand ein Silo-Modell. Der Weg durch Odessas Vorstädte ist der lange Marsch durch die verblassenden Illusionen. Die Mietskasernen der 30er Jahre sind dreistöckig, die Fassaden noch strukturiert, eine Fortsetzung der alten Stadt mit bescheidenen Mitteln. In den 40ern, 50ern entstehen schöne Zuckerbäcker-Kasernen, dann beginnt die Ära der Chruschtschowka-Siedlungen. Fünfstöckige Blöcke, mit nötigstem Wohnkomfort, ohne jede Verzierung. Zwanzig Jahre gab man ihnen, sie stehen vierzig. In den 70ern wagte man, neunstöckig zu bauen. Platte. Die hässlichen Balkone und Loggien tragen bisweilen hübsche Kacheln, die jetzt verrotten. Zwischen diesen Häusern gibt es Hofgärten der dörflichen Vororte von einst; manchmal grenzen sie an ältere Mietskasernen, vor denen noch Lauben blühen, samt wuschigen Gärten mit Holzhütten und Bänken, auf denen abends alte Frauen sitzen, vor denen tagsüber der Hund schläft. Die Türme der 70er, 80er Jahre erreichen 16 Stock. An breiten Straßen zwischen den Betonmassiven verkaufen winzige Menschen ihre Habseligkeiten.

Die Trabantenstadt steht am Ende der idealistischen Fahnenstange. In dem Seemannsheim, das der Reisende 1999 bewohnt, fließt Wasser aus dem lecken Rohr an der Decke. Die Kacheln der Dusche sind zur Hälfte schöne Keramikarbeit, mit ihrem abstrakten Muschelmuster erinnern sie an den Stoff, aus dem diese Stadt gebaut wurde, lange bevor man zweckmäßige Klötze wie dieses Heim in lauschige Parks stellte. Irgendwann versiegten die Kraft und der Ehrgeiz, auch Seemannsheime schön zu machen, und die Kacheln sind ausgegangen.

Hoch überm Strand von Arkadia ragt die Uferböschung, hinter der das Viertel der Stadtvillen beginnt. Unten gibt es Beton, Geröll, Fischerboote. Am Horizont große Pötte. Eine zusammengeflickte Hütte lehnt am Wasser. Frischer Wind. Die Unendlichkeit ist Fiktion: Es ist nur das Schwarze Meer. Hinter der Vorstellung fällt der Horizont. Das Rauschen aber sagt: Es ist alles offen. Am Strand erstreckt sich die Vergnügungsmeile: 200 Pubs und Diskotheken. Teens und Twens tragen dort Geld zu Markte, das sie nicht haben. Gogo-Girls, Blinkbirnchen, Billard- und Schießbuden. Erlebnisgastronomie, thematische Tanzterrassen, eine heißt "Kontiki". Noch geschlossen ist ein Tempelbezirk mit dorischen Säulen, "Ithaka" genannt. So also hat die Heimat des Odysseus ausgesehen. Die Kulisse ist der Inhalt.



Die umwerfende Schönheit der Frauen von Odessa, sagt man, sei entstanden aus dem Genmaterial des Völkergemischs. Ist ein Ende der Schönheit absehbar, weil die multikulturelle Zeit der Stadt zu Ende geht? Odessas Frauen sind auch stark. Dazu gehören die gewaltigen Trambahn-Chauffeusen. Die Frau, die sich auf der Suche nach Essbarem tief in einen Container beugt. Die optimistische 14-jährige Xenia, die Textildesignerin werden will wie Cousine Swjetlana, und die andere Cousine, die ihr Medizinstudium abbrach und sich jetzt mit Atemübungen und Videokunst befasst, und natürlich die drei alleinerziehenden Mütter der Cousinen. Eine starke Frau Odessas ist jene zerbrechliche alte Jüdin mit den großen Augen, die Schauspielerin war und nach Rückkehr der Roten Armee Probleme bekam, weil sie nicht tot war; sie sitzt in ihrem roten Kittel, während das Essen zubereitet wird, auf der Datschen-Bank, schneidet Gurken, strahlt eine eigenartig glückliche Präsenz von Geschichte aus, die bittere Süße des Überlebens. Und natürlich gehört dazu jene Tamara, die im Gefängnis ihr Kind gebar, das dann den Krieg behindert überlebte; Tamara und ihr seltsames Lächeln, das auf einem Foto in der Vitrine des Partisanenmuseums zu sehen ist: ob sie nun von den einen oder den anderen ermordet wurde, und egal worüber sie damals, als ihr Foto aufgenommen wurde, gelächelt hat.

Was von Odessa bleibt, wenn seine Häuser zerbröseln, sein Personal ausgetauscht ist, die Bewahrer seiner Tradition hinter den Horizont geflüchtet sind: Vielleicht . . . Odessa.

Ein junger Mann mit Aktentasche geht zu einer alten Frau, die am Straßenrand einzelne Zigaretten anbietet: kauft eine, lässt sie sich anzünden, geht davon, nimmt einen tiefen Zug. - Ein alter Mann in Turnhosen, mit Tüte, geht im Stadtteil Arkadia, wo manchmal ein Regen von winzigen Muscheln, wie ein Gruß aus der Vorzeit, niedergeht, an einer Akazie vorbei. Rupft eine Blüte ab, schnuppert konzentriert, geht weiter. - Der Reisende tut desgleichen. Die Blüte riecht nach nichts. Aber die Bilder der Männer verbinden sich in seinem Odessa mit dem Lächeln der Tamara.

Wäre Odysseus eine Stadt, hieße die Stadt - New York. Wenn Odysseus eine Frau wäre, hieße die Stadt Odessa. Und Odessa, die Lebenslust- und Listenreiche, wird den Blütenast pflücken und dran schnuppern. Man kann ja nicht wissen, ob man was riecht. Sie wird es, auf jeden Fall, trotzdem versuchen.Die Termine der Kulturtage heute: "Strecke Hand aus und du berührst Erez Israel". Vortrag um 18 Uhr im Centrum Judaicum. - "City. Odessa Stories", das Gesher Theater im Schiller-Theater, 19 Uhr 30. - Im Gemeindehaus Fasanenstraße die Fotoausstellung (20 Uhr, Foyer), und "Odessa is everywhere", der "Ballroom" um 20 Uhr 30. - Am 18. 11. wird im Nostalghia am Kollwitzplatz um 19 Uhr 30 das Buch "Odessa Odessa" (Elefanten Press, 120 S. , 19,80 DM), dem die Textauszüge auf dieser Seite entnommen sind, durch seine Autoren J. Ginsburg, Th. Lackmann, J. Schlör vorgestellt.

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