Berlin : In heller Aufregung

Anwohner klagen über leuchtende Werbetafeln 90 digitale Bildschirme sollen aufgestellt werden

Moritz Honert

Anja H. kann nicht mehr schlafen. Schuld ist eine neue digitale Werbetafel, die im Februar 2007 gegenüber ihrem Schlafzimmerfenster auf dem Mariendorfer Damm in Tempelhof installiert wurde. Ausgestrahlt werden darauf Werbefilme. Seit März ist die Tafel auch nachts in Betrieb.

Verantwortlich für den Bau sind die Berliner Firmen Rockscreen und Royalscreen. Zusammen mit IBM errichten diese derzeit in der Stadt das europaweit erste Netzwerk digitaler Werbeflächen. 15 bis 20 Millionen Euro lassen sich die Unternehmen die Aufstellung der riesigen Bildschirme, wie berichtet, kosten. Momentan stehen aber erst sechs solcher Tafeln – neben Tempelhof auch noch in den Bezirken Hellersdorf, Lichtenberg und Reinickendorf. Bis Herbst sollen es im gesamten Stadtgebiet 45 sein, drei Jahre später 1000 in einem europäischen Verbund. Doch die moderne Technik erfreut längst nicht alle Berliner.

„Das Problem ist das Blitzen der schnell wechselnden Bilder“, sagt Anja H. „Wenn ich im Bett liege, habe ich alle 15 Sekunden das Gefühl, fotografiert zu werden“. Ihre Jalousien, die früher gegen die Laternen auf der Straße völlig ausreichten, könnten die neue Lichtquelle nicht abschirmen. „Optische Belästigung“, nennt H. das. Sie legte beim Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg Beschwerde ein.

Auch in Reinickendorf gab es bereits Probleme. Dort meldeten sich Autofahrer, die sich von den Werbebotschaften an der Kreuzung Roedernallee/Am Nordgraben gestört fühlten. Die hellen Bilder würden sich auf den morgens noch nassen Straßen spiegeln und blenden, so der Vorwurf. Der Bezirk meldete die Beschwerden der Verkehrslenkung Berlin. Über das weitere Vorgehen soll kommende Woche beraten werden.

Gegen die Installation der Werbetafeln gibt es von Ämterseite jedoch wohl erst einmal keine Handhabe. „Wenn der gewählte Standort nicht gegen den gültigen Bebauungsplan verstößt“, heißt es aus dem Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg, könne ein Aufbau nicht untersagt werden. Die Tempelhofer Tafel stehe aber den Vorschriften entsprechend wie die anderen auch auf einem Gewerbegrundstück. Da könne nur eingeschritten werden, wenn das angrenzende Wohngebiet beeinträchtigt wird. Um das zu klären, wurde das Umweltamt des Bezirks mit einer Lichtmessung beauftragt. „Aufgrund der vielen anderen Lichtquellen am Standort war eine Messung schwierig“, sagt nun Umweltstadtrat Oliver Schworck. „Wir gehen aber mit großer Wahrscheinlichkeit davon aus, dass die Lichtintensität der Werbetafel die Grenzwerte überschreitet.“ Die Messergebnisse sollen in den kommenden Tagen zurück an die Bauabteilung des Bezirksamtes geschickt werden. Dort soll dann die Amtsleiterin über das weitere Vorgehen entscheiden.

Bei der Firma Royalscreen, die die Vermarktung der Werbetafeln organisiert, ist man nicht beunruhigt. „Bei uns liegen derzeit keine offiziellen Beschwerden vor“, sagt Geschäftsführer Hanan Bracksmajer. Natürlich würde aber jedes Problem, das an sie herangetragen werde, ernst genommen. Das Pilotprojekt in Berlin sieht Bracksmajer nicht in Gefahr.

Den digitalen Werbetafeln skeptisch gegenüber steht hingegen Maximilian Maurer, Pressesprecher des ADAC. „Alles, was Autofahrer im Straßenverkehr ablenken könnte, ist aus Sicherheitsgründen abzulehnen“, sagt er. Das bewegte Bilder grundsätzlich stärker irritierten als herkömmliche Werbeposter, sei denkbar, ließe sich jedoch nicht verallgemeinern.

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