Berlin : „In Kreuzberg ist Anderssein angenehm“

Wie im Süden ist es hier, sagt Aziza A., Deutschlands erste Türk-Rapperin. Verrückte gibt’s viele, denken die Menschen und lassen einander sein, wie sie wollen

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Ich bin nicht in Kreuzberg aufgewachsen, das vorweg obwohl viele sagen, ach, du wohnst in Kreuzberg, bist bestimmt auch da geboren? Kreuzberg gilt eben als Türkenviertel, obwohl es eher multikulturell und vielfarbig ist, und zwar inklusive der weißen Farbe. Nein, groß geworden bin ich in Steglitz, ganz bürgerlich; mein Vater war Hausmeister, meine Mutter Köchin. Dass ich jetzt seit vier Jahren in Kreuzberg wohne, ist eigentlich Zufall. Meine Eltern hatten sich in der Nähe vom Prinzenbad eine Wohnung gekauft, und als sie zurückgingen in die Türkei, habe ich sie mir eben gegriffen.

Warm. So ist Kreuzberg. Eine Atmosphäre wie im Süden. Ich will jetzt nicht das Klischee vom Zusammenhalt ärmerer Leute bemühen, ich glaube nicht, dass die Kreuzberger Freundlichkeit da entspringt. Denn eigentlich sind die Menschen in vielen ärmeren Gebieten ja eher stumpf. Aber hier ist immer ein gewisses Augenzwinkern im Spiel, eine Lässigkeit, die das Selbst-Sein oder das Anderssein möglich und angenehm macht. Kreuzberg, das für mich ein ganz normaler Bezirk ist, war eben auch schon immer Auffangbecken für die Abgedrehten: für Hausbesetzer, Immigranten, Künstler. Und deshalb lebt man hier nach dem Motto: Naja, Verrückte gibt’s viele. Ein Beispiel: Kommt einer in eine Kneipe und redet laut mit sich selbst. Man guckt kurz, dann will der Typ vielleicht ’ne Kippe, gibt man sie ihm eben, geht er wieder. Keine Beschwerde an den Geschäftsführer, keine genervten Blicke. Basta. Dass Kreuzberg jetzt wieder so in ist, dass neben den Punks immer mehr Oberyuppies sitzen, das finde ich interessant. Das bedeutet, dass es wieder schick wird, individueller zu werden.

Aber mal abseits aller Theorien: Hier lebt man einfach gut. Man kann zu jeder Zeit essen zum Beispiel. Im Restaurant Bol Kepce sogar 24 Stunden nonstop. Außerdem fühle ich mich in Kreuzberg sicher. Könnten Sie das in Großbuchstaben aufschreiben? Die meisten Menschen denken doch, Kreuzberg sei wie die Bronx. Ich habe nachts in Zehlendorf mehr Angst, da ist nämlich kein Schwein mehr auf der Straße. Und hier stünden sofort zehn Leute parat, wenn ich um Hilfe schreien würde.

Mit meinem Vater habe ich das in Steglitz mal ausprobiert. Wir haben uns auf den Balkon gestellt, und ich habe geschrien wie am Spieß. Niemand hat auch nur hochgeguckt. In meinem Haus muss ich nur auf der Treppe ausrutschen, und schon steckt jemand den Kopf aus der Tür und fragt, ob’s mir gut geht.

Aufgezeichnet von Christine-Felice Röhrs

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