Berlin : In Sekunden überwältigt

Nach stundenlangen Verhandlungen ging alles ganz schnell. Die Polizei rettete die Geiseln und nahm den Bus-Entführer fest

Jörn Hasselmann

Um 14.16 Uhr war alles vorbei: Mit zwei Schüssen in die Schulter setzte ein Spezialeinsatzkommando den mehrfach vorbestraften Dieter Wurm nach stundenlangen Verhandlungen außer Gefecht. Am Morgen hatte Wurm in Steglitz nach einem Bankraub einen BVG-Bus mit 20 Fahrgästen entführt. Dann folgte eine Irrfahrt durch die Stadt. Nach und nach ließ Wurm Geiseln frei. Die beiden Geiseln, die zuletzt noch in dem 185er-Bus saßen, wurden unverletzt befreit. Zwischenzeitlich hatte die Polizei erwogen, den 46-Jährigen mit einem gezielten Schuss zu töten – da er gedroht hatte, die Geiseln zu erschießen. Am Nachmittag wurde in Wedding ein 49-Jähriger festgenommen, den die Polizei für den Komplizen hält. Die Beute von 5000 Euro hatten die Männer auf der Flucht in der Schloßstraße verloren.

Die Flucht von Dieter Wurm aus der Commerzbank war chaotisch: Zunächst rannte der Mann in den U-Bahnhof, da dort gerade kein Zug stand, kehrte er um und stieg gegen 9.50 Uhr an der Kuhligkshofstraße in einen Bus der Linie 185. Dort setzte er sich ins Oberdeck – bis eine 25-Jährige Polizistin in Uniform einstieg, die auf der Suche nach den Tätern war. Sie wurde von Wurm überwältigt, der ihr zudem die Dienstwaffe entwand.

Der Bus ging auf eine fast einstündige Irrfahrt durch die Stadt; die meisten Geiseln wurden zu Beginn an roten Ampeln in Freiheit gelassen. Da der Busfahrer über Funk ständig seine Position an die BVG-Leitstelle meldete, konnte das in Steglitz stationierte Spezialeinsatzkommando schnell die Verfolgung übernehmen (siehe Grafik). Von freigelassenen Geiseln wusste die Polizei, dass der Täter sich über die „Peterwagen“ (die Hamburger Bezeichnung für Funkstreife) beklagt und mehrere Haftstrafen verbüßt habe. So konnten die Fahnder den Bankräuber schnell als Dieter Wurm identifizieren, der ihnen als gewaltbereit und gewalttätig bekannt war.

Für Einsatzleiter Martin Textor war klar: Der Bus musste gestoppt werden, irgendwie, „bloß nicht mitten auf dem Kudamm, um keine Unbeteiligten zu gefährden. Mehrere rote Ampeln in Schöneberg wartete das SEK ab – in der Hoffnung, dass weitere Geiseln freigelassen werden. Um 10.41 Uhr bremste das Mobile Einsatzkommando mit einem halben Dutzend Zivilfahrzeugen den Doppeldecker auf dem Sachsendamm in Höhe der Sporthalle aus. „Der heikelste Moment des Einsatzes“, sagte Textor – denn unklar war, wie der Täter reagieren würde. Der Busfahrer nutzte die Verwirrung und flüchtete durch das Fenster neben dem F ahrersitz.

Die Polizei verhandelte nun mit dem Gangster dreieinhalb Stunden lang. Zunächst forderte Wurm Coca-Cola und ein Telefon – das brachte ein SEK-Beamter im weißen T-Shirt um 11.19 Uhr an den Bus. Danach forderte der Mann nacheinander einen Hubschrauber, ein Kleinflugzeug, aus dem er mit einem Fallschirm abspringen wollte, einen weiteren BVG–Bus und einen VW-Bus, um zu flüchten. Wurm rief per Handy einen Radiosender an und gab ein Interview. Nebenbei erzählte er den Beamten, dass er als Scharfschütze ausgebildet sei, dass er nichts zu verlieren habe, dass er gewillt sei, sich „jedes Feuergefecht zu liefern“. Für Textor war klar: Der Mann ist nicht kompromissbereit – kurz nach 14 Uhr wurde der Zugriff freigegeben. Nach wenigen Sekunden war alles vorbei: Ein Beamter feuerte dem Täter aus der Nähe zwei Kugeln der neuen „Mannstopp“-Munition in die Schulter – Dieter Wurm taumelte zurück, konnte mit seiner Waffe die Geiseln nicht gefährden. Zeitgleich schlugen ein Dutzend SEK-Beamte die Scheiben des Busses ein und brachten die Geiseln in Sicherheit.

Innensenator Ehrhart Körting gratulierte der Polizei – da war die kleine Panne vom Mittag vergessen. Mitten in den Verhandlungen peitschte um 13.25 Uhr ein Schuss über den weiträumig, von mehreren hundert Beamten abgesperrten Sachsendamm. Aus dem Gewehr eines Beamten hatte sich ein Schuss gelöst, als er einen Zaun überstieg.

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