Berlin : In Terminnot: Dringend benötigt: der Avoid-Consultant

Elisabeth Binder

Es gibt in Berlin mehr und mehr Agenturen, die sich darum kümmern, dass Gastgeber es nicht zu schwer haben. Wer eine Party geben möchte mit sagen wir 2000 besonders netten (wahlweise reichen, berühmten, oder schönen) Gästen, aber nicht weiß, wen er einladen soll und auch nicht weiß, wohin er einladen soll, und schon gar keine Ahnung hat, was es alles zu essen geben soll oder zu trinken und wie die Dekorationen aussehen sollen etc., findet Party-Experten, die weiterhelfen. Eigentlich muss man nur das Datum nennen, einen schönen, großen Scheck ausschreiben und dann das Sonntagslächeln anknipsen für die eigene Fete.

Der Haken liegt beim Datum. Manche Daten sind nämlich wie Magneten. Sie stehen da in der Dunkelheit des Herbstes und blinken und leuchten und ziehen alles an, was Leute einladen und Getränke ausschenken will. Der 14. September war zum Beispiel so ein Tag und der 27. September wird einer sein, und es wird mehr davon geben. Da bekommen die Terminmappen ausgeleierte Rücken, weil sich die Einladungen stapeln, und die Gastgeber oder deren organisatorische Stellvertreter kriegen graue Haare, weil die Bandbreite der Antworten von "Jein" bis "Komm ich auf einen Sprung vorbei" lautet.

Das ist natürlich kein neues Phänomen. Schon Kinder kennen das Gefühl: Entweder es ist gar nichts los, oder es passiert alles auf einmal. In Berlin ist natürlich immer was los, aber an manchen Tagen ballt es sich eben ganz besonders. Hinzu kommt, dass die neue politische Szene die Zahl der möglichen Treff-Abende auf drei verengt (Dienstag, Mittwoch, Donnerstag).

Was eigentlich fehlt, ist ein professioneller Entzerrungsberater, ein Mensch mit Überblick, zu dem man gehen kann und fragen: Hey, wann haben die üblichen Leute gerade Langeweile, so dass ich sie zum Networking zusammentrommeln kann? Kein leichter Job. Es ist sehr viel einfacher, einen Sack Flöhe zu hüten als in dieser Stadt den Überblick zu behalten über Ereignisse jeglicher Art. Und selbst dann - zwar ächzen nicht alle Tage so unter Glamour-Dauerbeschuss wie der 14. oder gar der 27. September, aber so eine kleine Lobbyisten-Fete hier, ein rascher Botschaftsempfang da, sind sogar an eigentlich politikfreien Tagen immer auf der Hauptstadt-Agenda zu finden. Die schlimmsten Ballungen ließen sich sicher vermeiden. Schließlich ist es traurig, wenn man sieht, wie Gastgeber sich alle erdenkliche Mühe geben und dann noch unwillentlich die zusätzliche Fron auf sich nehmen, um mehr oder weniger die gleichen Gäste zu buhlen. Da freut sich allenfalls das Taxigewerbe, denn die Spezies des hechelnden Partyhüpfers breitet sich aus. Und der Limousinenservice, der begehrten Gästen gelegentlich angeboten wird, würde den Empfänger zu sehr auf eine Veranstaltung verpflichten.

Bleibt die Frage, wie man das Kind nennen soll. Da man im Event-Sektor alles besser auf Englisch versteht, könnte man die Tätigkeit des Meide-diese-Termine-Beraters ja "Avoid-Consulting" nennen. Das ergibt gleich einen doppelten Sinn. Die Gastgeber wollen ja auch vermeiden, dass begehrte Gäste sich einreden, sie hätten von den fünf vorhandenen Einladungen für einen Abend, jeweils eine der anderen angenommen - und es sich daheim vorm Fernseher gemütlich machen. Avoid-Consultant - ein neuer Beruf. Oder mehr? Es gibt doch praktisch für jedes falsch liegende Staubkorn einen Senatsbeauftragten. Hier hätte einer mal die Chance, sich im Dienste des neuen Berlin richtig nützlich zu machen. So viel Hauptstadt war nie.

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