Berlin : Innehalten, bevor die Reise weitergeht

Die Tourismus-Börse hat begonnen. Am spanischen Stand gab es eine Gedenkminute

Bernd Matthies

Um 12 Uhr wurde es beklemmend ruhig am spanischen Stand. Eine Minute lang stoppte die Geschäftigkeit, eine welke rote Rose erinnerte an die Opfer von Madrid. Dann der mühevolle Versuch, wieder Geschäfte zu machen, so unbekümmert wie nur möglich. „Wenn wir jetzt einpacken“, sagt eine Mitarbeiterin, „dann haben diese Verbrecher doch erst ihr Ziel erreicht.“

Was immer die Anschläge für den Spanien-Tourismus bedeuten: Die Besucher der ITB machen nicht den Eindruck, als würden sie sich die Reiselust verderben lassen. Oder ist es nur die Lust am Prospektesammeln? Eine lange Schlange windet sich um den Stand der Türkei, die sich nicht mit schnödem Plastik abgibt, sondern edle gelb-weiße Stofftaschen unter die Leute streut. Der Profi bringt im Verlauf eines Rundgangs Souvenirs aus mindestens fünf Kontinenten zusammen, auch wenn er möglicherweise knapp ein Wochenende in Zella-Mehlis finanziert bekommt.

Dort hat er ohnehin praktisch alles, was ihm früher nur teure Weltreisen geboten haben. Das hübsche Hotel „Zum Forstmeister“ im Erzgebirge beispielsweise bietet seinen Gästen „Gemüseschnitzen live, Tai Chi und Holzzuberbaden“, und zur Bekräftigung hat es einen Experten hingesetzt, der eine Melone mit allerliebsten Ornamenten überzieht und alles in breitem Thüringisch erläutert. Diese irritierende Globalisierung der Reisebranche bringt selbst innerhalb von Deutschland alles durcheinander, etwa dort, wo ein garantiert echter Shanty-Chor „Wir lagen vor Madagaskar“ zu Gehör bringt. Aha, denkt man, Waterkant, Matjes, Strandhafer - doch dann ist der Chor aus Magdeburg und macht sich stark für Sachsen-Anhalt, ein Land, das so wenig mit dem Meer zu tun hat wie die Schweiz, um deren Stand wiederum ein mürrischer Fisch herumtapert, der sich aus Kärnten verirrt hat. Wer das schon kraus findet, sollte den Europa-Park Rust meiden, denn dort turnt Charlie Chaplin auf den Ruinen des alten Roms herum, während ein Elefant im weißen Kleidchen Legionäre bezirzt.

Andererseits ist dies eine ITB, die erfolgreich an der Zerstörung von Vorurteilen arbeitet. Ein solches Vorurteil besagt, die Funkausstellung sei lauter und die Grüne Woche mache dicker. Doch dann liegt schon gleich am Eingang ein verführerischer Hauch von Räucherwurst über der gesamten polnischen Präsentation, und in die Ruhe brechen zwei junge Geigerinnen mit so brachialem Schlagzeug-Playback ein, dass Polen fast als eine Art Wurstdisko dasteht. Die anderen Länder im Osten, die sich von Jahr zu Jahr aufwendiger präsentieren, lassen es dagegen vergleichsweise ruhig angehen, fast pädagogisch: „We will take you to Russia“, teilt ein russisches Plakat beschwichtigend mit, „and we bring you back.“

Die Rückreise ist also im Preis mit drin, und da widmet man sich um so lieber den allfälligen Lustbarkeiten der Messe, lässt sich mit dem jungen Mozart fotografieren, sieht ukrainischen Kindern beim Volkstanz zu oder lässt sich von der Boeing-Präsentation einfangen, die für ihre „7E7“ schlichtweg eine neue Ära der Luftfahrt verspricht, „die Decke wird den Passagieren nicht wie eine Decke, sondern vielmehr wie der Himmel erscheinen“. Andererseits behauptet Air Berlin, noch längst nicht im Besitz der neuen Maschine, das Fliegen ohne Air Berlin sei „wie Schmuse ohne Katze“ bzw. „wie Flotter ohne Dreier“, und das steigert die Verwirrung dann doch wieder sehr. Draußen am Funkturm haben inzwischen die Aktivisten von „Robin Hood“ ein Plakat gegen das klimakillende Fliegen entrollt, und wenn das so ist, könnte es sein, dass die Gäste all die Kataloge einfach mitnehmen und später in Ruhe lesen - wenn sie wieder im Urlaub an der Ostsee sind.

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